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Sound of Paper

Miriam Akkermann (Bayreuth)

 

 

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Papier hört man. Immer. Auch wenn Hören vielleicht nicht die erste Assoziation, die man mit diesem Material verbindet.

Welchen Klang verbinden Sie spontan mit Papier? Das Rascheln des Papiers beim Auspacken eines Blumenstraußes? Oder das Knistern der Brötchentüte? Das Kratzen eines Bleistifts auf Papier beim Zeichnen? Oder den Klang beim Aufreißen von Geschenkpapier?

Die durch Papier entstehenden Geräusche umgeben uns mehr, als uns vielleicht bewusst ist. Gleichzeitig erscheint das Material in seinen klanglichen Möglichkeiten limitiert, denn die mit Papier assoziierten Klänge sind an wenige Handlungen gebunden. Dabei ist Papier ein variantenreiches Material, mit dem sich viele und sehr unterschiedliche Klänge in verschiedenen Tonhöhen und Klangfärbungen erzeugen lassen. Das Material ist gerade deshalb so reizvoll, weil es für visuelle Gestaltung prädestiniert zu sein scheint. Das Umnutzen von Objekten und Materialien eröffnet jedoch neue kreative Möglichkeiten, indem der konventionelle Gebrauch durch die Verwendung gebrochen wird.

Dies ist besonders reizvoll, da Hören stark assoziativ geprägt ist: Ein Geräusch wird oft einem Gegenstand oder einem den Klang verursachenden Ablauf zugeordnet, ohne dabei jedoch die klanglichen Eigenschaften genauer zu beschreiben. Das zeigt sich insbesondere beim Sprechen über das Gehörte, das in der deutschen Sprache stark bildlich geprägt ist. Man spricht beispielsweise davon, ein Auto zu hören, oder auch eine Straßenbahn. Doch was hören wir eigentlich? Das Objekt „Auto“? Den Motor? Das Quietschen der Bremsen oder die Veränderung des Fahrgeräuschs? Der Klang, der einem Auto zugeordnet wird, könnte auch mit Adjektiven beschrieben werden. Handelt es sich um ein hohes oder tiefes, schneller oder langsamer/lauter oder leiser werdendes Brummen, Surren, Rattern oder doch vielleicht eher ein Rauschen? Eine solche Differenzierung verändert die Hör-Wahrnehmung und lädt zu einem genaueren Hinhören ein. Dann erst fällt auf, dass die meisten assoziativ beschriebenen Klänge aus einer Kombination verschiedener, sich oft verändernder Klangelemente bestehen.

Für das Arbeiten mit Papier als Klangverursacher bedeutet dies, sich sowohl von den Vorannahmen der Materialnutzung als auch von den gewohnten sprachlichen Zuordnungen zu entfernen. Der kleine Umweg über die Reflektion zum Sprechen über Klang hilft, dieses neu zu gestalten und erleichtert damit ebenfalls, den Umgang mit dem Material neu zu denken. Die Mannigfaltigkeit der entstehenden Klänge kann dann eine musikalische Einordnung erhalten, denn die klanglichen Eigenschaften und der künstlerische Umgang mit dem Material rücken nun in den Vordergrund. Die Ungenauigkeit in der Beschreibung von Klang gerade beim Material Papier wird dadurch verstärkt, dass sich die Vorstellung zu „Papier“ zumeist auf wenige Papierarten beschränkt. Dass diese Einschränkung ein Trugschluss ist, wird in den Papierhistorischen Sammlungen im Deutschen Buch und Schriftenmuseum in Leipzig deutlich.[1] Hier lagern verschiedenste Papier- und Kartonsorten, bedruckt, unbedruckt und als Materialmuster. Grundlegend für die Klangerzeugung mit Papier ist die Kombination aus Papierbeschaffenheit und -größe. Je nach Dicke, Stabilität, Papierart, Papierbogengröße und -form, aber auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit können den Papierstücken bei unterschiedlicher Handhabung variantenreiche Klänge entlockt werden.[2]

Im Rahmen des Hands-on Workshops „Sound of Paper“, der im Rahmen der gleichnamigen Kooperation zwischen der Laborgruppe „Kulturtechniken“ (Universität Erfurt), der Forschergruppe „Medien und Mimesis“ (Bauhaus-Universität Weimar) und der Deutschen Nationalbibliothek am 21. Juli 2017 in den Räumen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig stattfand, wurden unterschiedliche Papiersorten aus den Beständen der Papierhistorischen Sammlungen und verschiedenste Verwendungsarten derselben zur Klangerzeugung erprobt und zu einer musikalischen Gemeinschaftskomposition zusammengesetzt.

Zunächst wurde von den TeilnehmerInnen eine Sammlung an Klängen samt Klangerzeuger und Spielbeschreibung erstellt. Um eine Reproduzierbarkeit der Klänge zu erreichen und sie in einer zuvor fixierten Komposition gezielt einsetzen zu können, mussten die Spieltechniken und die damit zu erzeugenden Klänge in irgendeiner Weise vermerkt werden.

Wie auf den Fotos 1 bis 3 zu sehen ist, wurde in Beschreibungen, mit Hilfe von Zeichnungen oder Bewegungsanweisungen notiert, wie mit dem jeweiligen Papier verfahren werden soll, um einen bestimmten Klang hervorzubringen. Dass dies durchaus Übung erforderte, zeigte sich in den anschließenden Proben der Gemeinschaftskomposition, die aus den in dieser experimentellen Erprobung gefundenen Klängen zusammengestellt wurde. Das Ergebnis wurde in einer Aufführungspartitur festgehalten (Foto 4) und von den Workshop-TeilnehmerInnen am Abend im Rahmen eines Vortragskonzerts live aufgeführt.

Es spielten: Robert Giversen, Meghedi Panosian, Frieder Schmidt, Andreas Schröder, Hang Su und Robert Urmann.

 

akkermann foto1

Abb. 1

akkermann foto2

Abb. 2

akkermann foto3

Abb. 3

akkermann foto4

Abb. 4

 

 



[1] Schmidt, Frieder. „Papierhistorische Sammlungen“, http://www.dnb.de/DE/DBSM/Bestaende/PapierhistSammlung/papierhistsammlung_node.html (25.8.2017).
[2] Siehe hierzu auch die einleitenden Kapitel in Andy Farnell. Designing Sound. Massachusetts: MIT Press 2010.
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