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Das Diagramm als Visualisierungsstrategie in der Ausstellung

VALIE EXPORT. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung (Lentos Kunstmuseum Linz, 2017/2018)

Sabine Folie (Wien)

 

 

Das Archiv als Gegenstand einer Ausstellung stellt eine besondere Herausforderung an die Möglichkeiten der Visualisierung dar. Ein Diagramm als Form der Visualisierung ermöglicht es den Besucher_innen, sich im Raum der Ausstellung mit dem Archiv als Prinzip des Sammelns und (An)Ordnens auseinanderzusetzen. Das wandgroße Diagramm reflektiert in verschiedenen Sektionen die grundlegende Verfasstheit eines (staatlichen) Archivs, zeigt was dieses von Künstlerarchiven unterscheidet und was das VALIE EXPORT Archiv im Besonderen ausmacht. Eine vierte Sektion beschäftigte sich mit den konkreten Displaymethoden für die Darstellung des VALIE EXPORT Archivs innerhalb einer Ausstellung, die wiederum selbst in einem Diagramm visualisiert wurden. Ein Diagramm erlaubt es, diese verschiedenen Relationen anschaulich werden zu lassen.

Darüber hinaus verweist es auf die gängige Verwendung diagrammatischer Formen in der Konzeptkunst als Veranschaulichung konzeptueller Ideen (das Kunstwerk als Idee) und der Vermittlung des Anscheins quasi wissenschaftlicher Verfahren.

 

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Der Versuch eines Displays: VALIE EXPORT. Die Ausstellung als Ort des Archivs.

Hal Foster spricht vom „archivalischen Impuls“ (Foster 2004) als Grundmotiv vieler künstlerischer Ansätze seit den 1960er Jahren. In diesen steht nicht nur der Prozess, der in Notaten, Skizzen, Entwürfen in Archiven abgebildet wird, oft gleichwertig neben dem Werk, sondern das Archiv der Bilder ist selbst grundsätzlich Gegenstand künstlerischer Praxis. Künstler_innenarchive als Orte künstlerischer Forschung treten zunehmend in den Fokus, sei es als Quelle zur Erforschung von Werkkomplexen oder als künstlerische Methode.

Wie wäre also die Grenzlinie zwischen einem Archiv als Dokumentensammlung und einem Archiv, das sich über die Ästhetik des Archivs – des eigenen oder von fremden Archive – konstituiert, zu ziehen? Und welche Definition trifft auf die Anlage des Archivs von VALIE EXPORT zu?

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie sich ein Archiv allgemein und das Archiv VALIE EXPORTs im Besonderen in einer Ausstellung darstellen lässt.

 

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Der grundsätzlichen Undarstellbarkeit des Archivs wird in der Ausstellung VALIE EXPORT. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung am LENTOS Kunstmuseum Linz entgegnet, indem einerseits beispielhaft auf das ‚Original’ zurückgegriffen wird, das sich in Autographen, Skizzen, Notaten etc. zeigt. Andererseits wird der potentielle „Fetisch“ originales Objekt/Dokument durch den Einsatz schematisierter und diagrammatischer Bildformen zur Veranschaulichung archivalischer Inhalte in einen übergreifenden Zusammenhang gestellt. Paradoxerweise erhöhen gerade diese Figurationen die Evidenz des im Archiv latent Verborgenen.

Wird durch das Diagramm grundsätzlich Dreidimensionales und zeitliches Nacheinander auf eine Ebene in Simultaneität gebracht, macht die Ausstellung gleichzeitig in der räumlichen Anlage die abstrakte, subliminal wirkende Ordnung, die dem Archiv zugrunde liegt, unmittelbar erfahrbar. Die Organisation des Raumes unterscheidet ein kognitives, analytisches Territorium des Denkens, das sich in Lesen, Schreiben, Konzipieren äußert, und ein Territorium emotiv/sensorischer Ebenen – von künstlerischer Praxis und konkreter Produktion eines Werks. Beide Aspekte spiegeln letztlich auch die Funktionen des Gehirns wider, die als gedachtes Raster über die Ausstellung gelegt werden.

 

Die diagrammatische Struktur als Ordnungsprinzip

Ich begreife den Ausstellungsraum für das Archiv VALIE EXPORTs als eine Art „Gehirn“ und das Archiv generell als Container, Denkfabrik, als Spiegel der Art und Weise, wie künstlerische Forschung und Produktion betrieben werden. Der Ausstellungsraum wird als linke und rechte Gehirnhälfte gesehen, wobei die Gehirnhälften vertauscht sind – aus praktischen Gründen der Wegführung, aber auch um zu argumentieren, dass die linke analytische, sprachliche Gehirnhälfte auch räumlich, kreativ und intuitiv (wie die rechte Gehirnhälfte) sein kann und dass in künstlerischen Prozessen beide als vernetzt zu denken sind, was sie per se meist sind. Die „Gehirnhälften“ sind durch eine fixe, also permanente Mittelwand gewissermaßen getrennt. Schematisch dargestellt, ergibt sich ein Diagramm des Ausstellungsraums in Form zweier Gehirnhälften:

 

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Die Wegführung verläuft über den rechten Raum (Ideenproduktion), da er als der gewertet werden kann, der der Werkproduktion (linker Raum) vorausgeht.

Die unten näher erläuterten Ordnungsprinzipien von vertikaler und horizontaler Ordnung wirken dabei nicht nur optisch, sondern auch unbewusst, sodass der/die Besucher/in optisch und kognitiv die Fülle des Materials leichter zuordnen kann und sich nicht überfordert fühlt.

Diese räumliche Organisation dient auch als Grundlage für ein wandfüllendes Diagramm an einer der Wände im rechten Raum (15 Meter lang).

 

Die Korrelation zwischen Inhalten, Display und Raum

Um einen grafisch-zeichenhaften, jedenfalls text- und dokumentlastigen Raum des Archivs anschaulich zu machen, bediente ich mich mehrerer Präsentationsmodelle und Dispositive, die die zeitliche und räumliche Schichtung und Verlinkung über vertikale und horizontale imaginäre Linien (Wand, Vitrine) und kognitive Modelle (Diagramm, Schautafel, iPad, Diaschau) übermittelten. Dabei wurden originale Dokumente und Objekte mit digitalen Medien vermischt, um

1. auf die vernetzte und multidimensionale Struktur der Dokumente zu verweisen;

2. die Fetischisierung der Original-Dokumente zu minimieren und sie über die affektiv-sinnliche Ebene von Handschrift, Farbe von Tinten, Papier etc. hinaus auf eine abstraktere Ebene der reinen „Information“ zu bringen,

und 3. einer „Mythisierung“ der Künstlerin z. B. durch Originale, die durch ihre Hand gingen oder Bücher, die in ihrer Wohnung aufgestellt waren, entgegenzuwirken.

Mit diesen unterschiedlichen Displayvarianten sind traditionelle Dispositive des 19. Jahrhunderts angesprochen (Vitrinen) und gleichzeitig non-lineare, rhizomatische Strukturen des Digitalen aufgerufen (Diagramm etc). Die verschiedenen Übersetzungsmodi des Diagramms oder der tabellarischen Bibliothek schließen zudem an Darstellungs- und Denkmodelle der konzeptuellen Kunst der 1960er-Jahre an, aus denen VALIE EXPORT kommt.

Die Ausstellung erschließt sich in drei Ebenen über eine Vielfalt von Displays, Themen und Medien.

 

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RECHTER RAUM

Der rechte Raum ist ein Raum künstlerischer Forschung, ein Denkraum, der in seiner Struktur dem analytischen Sprachraum entspricht und der ruhig gestaltet ist. Er ist durch die Abstraktionen von Schrift und Typographie bestimmt und hauptsächlich in schwarz/weiß gehalten. Der Raum soll den Eindruck der Vertiefung, der Information vermitteln, der Dichte und Fülle, die einem Archiv entspricht, das aber gleichzeitig nicht auf einen Blick erfasst werden kann, sondern sich erst nach Erforschung und Studien (Vertiefung) erschließt. Die Fülle der Beschäftigungen eines Lebens in einem Raum „darzustellen“ ist eine unrealisierbare Idee. Allenfalls können Einblicke in die vielen Dimensionen dieses Archivs durch unterschiedliche Displays gewährt werden.

Themen sind hier: VALIE EXPORTs Skizzen, Exzerpte, Bücher, die sie las, Korrespondenzen und Netzwerke, die sie pflegte, der introspektive und emotive Aspekt in ihrer Arbeit, und gleichzeitig auch der analytische Aspekt, der sich u.a. in der Lehre äußerte, in ihrer Funktion als Kuratorin und Herausgeberin von Publikationen, im Verfassen von theoretischen Texten einerseits und Gedichten andererseits und natürlich im Formulieren einer künstlerischen Idee, politischer Statements.

Die Schweizer Grafikdesignerin und Künstlerin Salome Schmuki, die u. a. eine Typographie für dyslexische Menschen erfunden und dazu ein Buch herausgebracht hat (Schmuki 2012), wurde beauftragt, mit typografischen Bildräumen die an sich ‚trockene’ Materie von Büchern, des Schreibens, des Archivs im Allgemeinen anschaulich zu gestalten.

 

VERTIKALE ORDNUNG / WAND

BIBLIOTHEK

VALIE EXPORT hat eine umfangreiche Bibliothek (Fachbibliothek und Literatur) zusammengetragen, die eine entscheidende Basis für ihre künstlerische Forschung darstellt. Der (Ein)Blick in diese vielfältige Bibliothek, aus der EXPORT auch konsequent exzerpierte, wie diverse Notizen in der Ausstellung zeigen (Vitrinen), gibt einen Eindruck von den Interessen und dem Universum der Künstlerin wie in ein buchstäblich ‚offenes Buch’. Die Bibliothek ist daher von großem Wert für das Archiv und als Information für Besucher_innen wie für Forscher_innen. Von ihrer ‚Oberfläche’ und Heterogenität her ist die physische Bibliothek aber ungeeignet für ein dichtes Ausstellungsgeschehen in einem vergleichsweise kleinen Raum. Daher hat Salome Schmuki die mittlere, beide „Gehirnhälften“ trennende Wand mit einem typographischen Zeichensystem, nämlich den Buchstaben der bibliographischen Sätze der Bibliothek vollständig (10,5 x 3,80 m) bespielt.So gibt es nicht nur viel Information, sondern auch noch eine ansprechende, ‚grafische’ Oberfläche. Gleichzeitig wird evident, dass der Wissensspeicher Bibliothek tendenziell endlos und in seiner Fülle unrezipierbar ist.

DIAGRAMM

Um einen Überblick über das (Künstler)Archiv als Topos im Allgemeinen und über die Qualität und Dimensionen des Archivs von VALIE EXPORT im Besonderen zu erlangen, wurde direkt gegenüber der ‚Bibliothek’ ein großes, sich über die ganze Wand erstreckendes Diagramm direkt auf diese aufgetragen. Das Diagramm verschafft eine Idee davon, welches die grundlegenden Eigenschaften eines Archivs sind. Es wird durch Zitate von VALIE EXPORT zum Archiv erweitert und damit auf ihr Archiv bezogen. Außerdem wird damit eine Form aufgenommen, die in der Konzeptkunst und auch im Werk von VALIE EXPORT gängiges Medium ist: die diagrammatische Darstellung als anschauliche Übersetzung von abstrakten (wissenschaftlichen) Inhalten. EXPORT benutzt das Diagramm in ihrer künstlerischen Praxis in Form von Werkskizzen für die Umsetzung ihrer Werke.

GEDICHTE

An der Wand gegenüber vom Eingang werden als Kontrast und Ergänzung oder Antwort auf die Bibliothek bis dato teilweise unveröffentlichte Gedichte auf die Wand geschrieben.

 

HORIZONTALE ORDNUNG

VITRINEN

In den Vitrinen gibt es zum Großteil originale Dokumente: Briefe, Korrespondenzen, Notizen, Vorträge, Entwürfe, Fotos als Beleg für künstlerische Netzwerke, geplante Projektideen, Skizzen etc. Teilweise kann man über iPads eine Reihe von Daten abfragen: z. B. Zettelkästen mit Exzerpten aus Büchern, Vorträge etc.

 

VERBINDUNG ZWISCHEN DEN BEIDEN RÄUMEN

TIMELINE

Sie stellt die Verbindung zwischen den beiden Räumen her und beinhaltet die wichtigsten Werkkomplexe (chronologisch) VALIE EXPORTs und entsprechende Ordnungs- oder Gattungsbegriffe. Selbst ein Ordnungsversuch der Künstlerin und der damaligen Assistentin (Sigrid Adorf), wird sie wie eine Pinnwand an der Wand angebracht.

 

LINKER RAUM

Dieser Raum ist besonders dem Entwerfen, dem Prozesshaften der künstlerischen Entwicklung, der künstlerischen Produktion und Praxis gewidmet. Er ist von zeitbasierten Medien dominiert und tendenziell farbig.

 

VERTIKALE ORDNUNG / WAND

PLAKATWAND

Auf der Wand gegenüber der Trennwand zwischen den beiden Räumen sind auf einer großen Fläche Papier fotografisch reproduzierte, nicht originale Plakate gehängt.

DIAPROJEKTIONEN

Auf der Wand gegenüber dem Eingang sind in digitalen Diaprojektionen zwei wesentliche Momente der konzeptuellen Fotografie im Werk von EXPORT exemplarisch hervorgehoben. Die Körperkonfigurationen, an denen sie von 1972 bis 1984 arbeitete, und der Komplex um die Digitale Fotografie, an dem sie in den 1990er-Jahren arbeitete. Sie reflektieren zwei Perioden oder Strömungen in der Kunst EXPORTs: zum einen den feministischen Aspekt in der konzeptuellen Fotografie, der die Einschreibung des weiblichen Körpers in den architektonischen und sozialen Raum markierte und gleichzeitig besonders ersichtlich durch die Titel der Körperkonfigurationen (Aufhockung, Einrundung, Einkreisung etc.) die Zurichtung des Individuums generell beschreiben.

EXPORT reflektiert hier auf der Ebene des künstlerischen Bildes, was Foucault (Überwachen und Strafen), Deleuze (Disziplinargesellschaften) u. a. auf philosophischer Ebene in jener Zeit thematisiert haben. Es wird deutlich, wie sehr EXPORT von den philosophischen, feministischen, ethnologischen, sozialhistorischen Debatten der Zeit ‚informiert’ war, sie transformierte und bildhaft übersetzte.

Andererseits markieren die sehr frühen, pionierhaften Experimente mit den neuen digitalen Technologien (Digitale Fotografie) einen Übergang der Kulturtechnologien; und gleichzeitig „sezieren“ sie förmlich den gesellschaftlich fragmentierten und wenn man will in der Folge queeren Körper, einen Körper der zusammengesetzt erscheint aus unterschiedlichen sozialen und auch (Geschlechts)Identitäten. Zugleich geht damit eine Analyse der möglichen Folgen für die visuelle Kultur, das Bild des Menschen, von der Hybridisierung von Information sowie den Bedingungen von Wahrnehmung und Kommunikation einher. Es zeigt sich auch ein prospektiver Aspekt in Bezug auf die „Fluidität“ samt Folgen der digitalen Moderne, wo zunehmend Unterscheidungen zwischen empirischer Erfahrung und Imagination, Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen und dafür entsprechende synkretistische Bildformen gefunden werden.

Auf der Trennwand zwischen den beiden Räumen wird eine Auswahl der Filme auf Monitoren gezeigt.

 

Eine Art technologische Archäologie stellt die interaktive CD-ROM Bilder der Berührungen von 1998 dar. Man sieht hier, wie schnelllebig Technikentwicklung ist und wie aufwendig es ist, zwanzig Jahre alte Programme zum Laufen zu bringen. Darin zeigt sich anschaulich, wie stark sich der Begriff der Interaktivität im digitalen Zeitalter verändert. Ein in die Zukunft weisendes Drehbuch des nicht realisierten Films Der virtuelle Körper. Der Prothesen- und postbiologische Körper (1999) zeigt anschaulich, wie prospektiv und gleichzeitig gegenwärtig diese Analyse ist. Das Drehbuch wurde in Linz auf iPad gezeigt, in Berlin animiert an die Wand projiziert.

 

Literatur
Salome Schmuki, Dyslexia – chunking along a straight line – at the crossing turn left, Maastricht 2012.
Hal Foster, „An Archival Impulse“, in: October, Vol. 110, Herbst 2004, S. 3-22.

 

 

Die Ausstellung wurde in zwei Varianten realisiert:
VALIE EXPORT. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung.
Lentos Kunstmuseum Linz, 10. November 2017 - 28. Januar 2018

 

VALIE EXPORT. Forschung - Archiv - Werk.
n.b.k. Berlin, 9. Juni - 12. August 2018

 

Weitere Ausstellung:
VALIE EXPORT. Research-Archive-Oeuvre
VOX Centre de l’image contemporaine, Montréal
15.02.-27.04.2019
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