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Textverarbeitung. Über das Büchermachen in digitalen Zeiten. Ein Radio-Feature (Auszug)

Joachim Büthe (Köln)

 

 

Der Auszug bezieht sich auf das Buch als Archiv im Unterschied zu digitalen Strategien der Archivierung. Weitere Themen des Features waren die Veränderungen, die das Herstellen und das Gestalten von Büchern durch die Digitalisierung erfahren und hinzugewonnen hat, die Konkurrenz und die unterschiedlichen Profile von gedrucktem Buch und E-Book, sowie die Problematik von open access. Weitere Gesprächspartner waren die Buchgestalter Florian Lamm und Jakob Kirch, die E-Book-Verlegerin Christiane Frohmann und die Spector-Verlegerin Anne König.

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Beim Büchermachen sind die digitalen Medien in direkte Konkurrenz zum Medium Buch getreten. Die digitale Revolution der Buchproduktion hat neue Möglichkeiten der Buchgestaltung und auch des Verlagswesens eröffnet. Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner stellt in seiner Schrift Zur Sache des Buches fest, die Kritik am gedruckten Buch offenbare ein Stück Kulturkritik, die ihr Unbehagen an der Gegenwart mit einer übertriebenen Erwartung an die technischen Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

„Das ist ja das Spannende, dass wir in den neunziger Jahren, eigentlich schon in den sechziger Jahren, eigentlich schon mit den Kybernetikern und dann speziell in den neunziger Jahren mit dem world wide web eine Begleitmusik, eine metaphysische Begleitmusik zur jeweiligen technologischen Entwicklung hatten, die uns darauf einstimmte, dass wir im Netz zu ganz neuen Formen der Demokratisierung, der Wissensgenerierung, der Distribution und Zirkulation und auch der Schaffung von Wissen kommen können, weg vom Individualismus hin zu einem Kollektivprinzip, für das Wikipedia in gewisser Weise emblematisch steht. Diese optimistische Sicht in die Zukunft und in das, was das digitale Prinzip uns bringt, die ist nun in den relativ wenigen Jahren, in den zwanzig Jahren, in denen uns eine technologische Entdeckung nach der anderen präsentiert wird, die wir einfach staunend zur Kenntnis nehmen, diese heilserwartende Begleitmusik ist nun in den letzten Jahren ganz erheblich entzaubert worden. D.h. wir können im Moment nicht sagen, in welche Richtung der Computer uns weisen wird. Klar ist nur, es ist nicht nur eine Sache der technologischen Möglichkeiten, sondern es ist auch eine Frage sozialer Werte und bestimmter Wahrnehmungs- und Vorstellungsweisen, und es ist auch eine Frage des ökonomischen Interesses, also des Informationskapitalismus, wo es für meine Begriffe schon ziemlich klar ist, in welche Richtung er geht.“

Sobald wir den Computer einschalten sind wir mit einer Fülle von Informationen und Wissenspartikeln verbunden, die auch die schärfsten Netzkritiker selbstverständlich nutzen, um aus diesen Bausteinen, zusammen mit anderen Quellen, Wissen zu generieren. Dahinter kann und will niemand zurück. Es kann aber sein, dass sich unter der Hand ein anderer (Kon-)Text, ein Subtext entwickelt, den man genau beobachten sollte. Das meint zumindest der Konstanzer Bibliothekswissenschaftler Uwe Jochum.

„Das Problem, das wir im Moment haben, ist ja einfach, dass die Datenbanktechniken ein eigenes Leben entwickeln und bei der Entwicklung eines eigenen Lebens, im Grunde genommen die Datenbausteine nicht mehr, wenn man emphatisch sprechen will, sie nicht mehr als Bausteine eines lebendigen Wissens betrachtet werden, sondern sie verdinglichen sich plötzlich, bekommen ein eigenes Gewicht, dass ihnen aber gar nicht von sich aus zukommt, sondern sie suggerieren eine Schlauheit der Technik selbst. Das ist eine Grenze, die man im Blick haben muss und bei der mich eben stört, dass viele sie nicht im Blick haben. Diese Verdinglichung des Wissens, die, wie ein Philosoph gesagt hat, eine Naturalisierung des Wissens bewirkt, nämlich insofern eine Naturalisierung des Wissens als sei Wissen von sich aus etwas, dass in technischen Figurationen vorkommt und man vergisst, dass wir es sind, die aus solchen Bausteinen aus Datenbanken Wissen machen.“

Was Uwe Jochum umtreibt ist auch die Sorge und die Frage, wie das lebendige Wissen künftig gespeichert werden soll. Wenn man Bibliotheken und Archive digitalisiert, dann erhöht man die Zugänglichkeit, aber was der Nutzer erhält ist nicht dasselbe. Es ist ein Surrogat aus dem wichtige historische Informationen getilgt sind. Das weiß auch Verleger Markus Dreßen.

„Ich war vor zwei Jahren auf einem Symposium, wo es um Internetseiten für Kunstinstitutionen ging. Es wurde dann beschrieben, wie soll das aussehen, wie stark sollen Ausstellungen dort auch sichtbar sein, soll man schon Ausblicke in die Ausstellung in die Website integrieren. Und dann kam die Frage auf, wie geht man denn, wenn man ein Re-Design einer Website macht, wie geht man dann mit den alten Archiven um? Dann sagte ich, das hat ja auch weitreichende Konsequenzen. Wenn ich einen Ausstellungskatalog ansehe, dann sehe ich auch immer an der Gestaltung, an der Drucktechnik, an dem Papier aus welcher Zeit diese Ausstellung kommt. Wenn man jetzt eine Ausstellung über eine Website präsentiert und dann nach fünf Jahren das Design ändert und, um eine Einheitlichkeit herzustellen, das Archiv in ein neues Design packt, dann lässt sich an der Gestaltung nicht mehr erkennen aus welcher Zeit eigentlich diese Ausstellung ist. Was bleibt eigentlich von dem Internetdesign übrig? Wo werden alte Websites gespeichert? Wo können wir in zehn Jahren sehen, wie alte Websites in den frühen Zweitausendern ausgesehen haben, wo wird das archiviert? Wo wird über Webdesign gesprochen und sich im Nachhinein darüber auch ästhetisch auseinandergesetzt? Das verschwindet.“

U. Jochum:
„Natürlich ist es von dem, was Archive bisher waren, nämlich Einrichtungen, in denen tatsächlich sinnlich dreidimensionales Material in seiner Dreidimensionalität gespeichert wurde, sind Archive eben, wenn sie digitalisiert werden, eben dieses nicht mehr. Das bedeutet, dass jedes Archiv, das digitalisiert wird, natürlich mit einem Bedeutungsverlust konfrontiert sein wird. Und was man auf der Ebene der Zugänglichkeit gewinnt, im Sinne von bequemerem Abgreifen von Beständen und was es da alles gibt, bleibt es doch auf diese optische Ebene beschränkt, die dem digitalen Medium als einem optischen und akustischen Medium innewohnt. Natürlich verliert das Archiv genau die Qualität, die es vom Moment seiner Generierung über das Herkunftsmaterial ja auszeichnet.“

Digitale Medien sind fluid, jederzeit veränderbar und nicht zuletzt diese Eigenschaft hat die utopischen Energien immer wieder angezogen. Das heißt aber auch, dass sie keine Geschichte haben. Sie sind immer hier und jetzt, und das macht sie als Dokumentationsmedium zweifelhaft.

M. Hagner:
„Im Grunde hätte ja Amazon der Welt keinen größeren Gefallen tun können als mit dieser Löschaktion vor einigen Jahren, als über Nacht auf einmal all die Leserinnen und Leser und Besitzer eines Lesegerätes von Amazon feststellen mussten, dass 1984 von George Orwell gelöscht ist. Man kann es mit einem Knopfdruck einfach löschen und damit kann man einem den Text, wenn man ihn sich nicht vorher irgendwie runtergeladen hat, was natürlich nur eine kleine Anzahl von Nerds macht, die meisten, das Massenpublikum wird es einfach nicht tun, dann sind die auf einmal diesen Text los. Und diese Art von Macht über den Text, die derjenige hat, der die Macht über den Server hat, die ist eigentlich mit der Eigenständigkeit und Widerständigkeit und Trotzigkeit, die Bücher haben, nicht vereinbar.

Man kann Texte manipulieren von einem Tag auf den anderen, man kann schnell mal was ändern, und man kann dadurch Vergangenheit unsichtbar machen. Das ist bei gedruckten Büchern nicht so ohne weiteres möglich. Arnold Gehlen konnte in seinem Hauptwerk Der Mensch noch so viel ändern. Wenn man sich die Erstausgabe von 1940 anschaut, dann sieht man die rassistischen und NS-affinen Passagen in diesem Text. Solche Dinge sind im Netz viel leichter kaschierbar, unterdrückbar, veränderbar, löschbar, ausradierbar. Dadurch werden Texte natürlich enthistorisiert, weil man immer nur die neueste Version hat.“

Für Michael Hagner ist das gedruckte Buch auch ein Rückzugsgebiet. Nicht in die heile Welt der Gutenberg-Galaxis, nicht um sich den zweifellos vorhandenen Segnungen der digitalen Medien zu entziehen, sondern um den Zumutungen, die mit ihrem Siegeszug im Rahmen des Informationskapitalismus auch entstanden sind, etwas entgegensetzen zu können. Dazu gehört auch, die Ergebnisse der Medientheorie zu ergänzen und die Medienkompetenz durch andere Kompetenzen zu relativieren.

„Es ist ja nun, von McLuhan über Friedrich Kittler bis Norbert Bolz bis hin zu Giesecke wahrlich genug Mediengeschichte und Medientheorie betrieben worden. Das ist ja auch das Fundament, auf dem alle, die sich jetzt Gedanken darüber machen, aufbauen. Ohne diese Arbeiten in der Medienwissenschaft, in der Mediengeschichte ginge gar nichts. Ich bin allerdings der Meinung, dass ein technologischer Determinismus und ein mediales a priori uns in dieser Hinsicht nicht weiterbringen. Ich kann gut verstehen, warum jemand wie Kittler das Medium als solches so stark gemacht hat, glaube aber, dass das nur für eine gewisse Zeit ein fruchtbarer Denkansatz ist. Jetzt befinden wir uns in einer anderen Zeit, in der Stichworte wie Lesekompetenzen und Arten und Weisen des Lesens nicht mehr nur mit einem Medium zu tun haben, sondern auch etwas mit sozialen Anforderungen zu tun haben, wo einfach die ruhige Zeit, die man mit einem gedruckten Buch verbringt, nicht mehr den sozialen Anforderungen entspricht.“

Bücher können nicht einfach durch digitale Medien ersetzt werden, weil sie eine materielle Rezeptionsgeschichte haben. Manche entfalten ihre Wirkung sofort, bei anderen und gewiss nicht wenigen dauert es erheblich länger. Norbert Elias‘ grundlegendes Werk über den Prozess der Zivilisation zum Beispiel, bereits 1939 zum ersten Mal veröffentlicht, ist erst lange nach seinem Erscheinen wirklich zur Kenntnis genommen worden. Diese Geschichte ist für Michael Hagner unverzichtbar.

„Wenn wir weiter in dem Modus operieren wollen, dass Texte Inkubationszeiten haben und dass Texte in ihrer materiellen Form eine Geschichte durchlaufen, die an verschiedene Ausgaben, an damit verbundene Vorworte, Nachworte, Rezensionen, an Paratexte und bestimmte materielle Formen gebunden sind, wenn all das die Historizität der Einheit von Inhalt und Materialität von einem Text ist, der in einer bestimmten materiellen Form seine historische Existenz hat und damit sich auch verändert, altern kann und eine Geschichte durchläuft, das alles spricht dafür, dass wir an das gedruckte Buch gebunden bleiben. Und nicht in dieser verfügbaren, ahistorischen Form des Netztextes ausschließlich unsere weiteren Lektüreerfahrungen machen werden.“

 

 

Die Gesprächspartner in diesem Auszug sind:

Michael Hagner: Wissenschaftshistoriker, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich

Markus Dreßen: Buchgestalter und Verleger (Spector-Verlag Leipzig), Professor für Graphikdesign an der HGB Leipzig

Uwe Jochum: Bibliothekswissenschaftler und Leiter der Universitätsbibliothek Konstanz

 

Das Radio-Feature (50 Min.) wurde am 13.3.2015 im Deutschlandfunk gesendet. Die vollständige Manuskriptfassung findet man unter: http://www.deutschlandfunk.de/textverarbeitung-ueber-das-buechermachen-in-digitalen-zeiten.1247.de.html?dram:article_id=311132, 22.3.2018.
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