Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen
Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite MAP 9 / Das Buch als Archiv-Raum und Medium der Kunst Archiv-Fragen Archiv Analysen Teil 2 Archiv-Analyse: steirischer herbst, Graz

Archiv-Analyse: steirischer herbst (Graz)

Lucie Ortmann (Essen)

 

 

 

 

I. Auswahl und Herangehensweise

Der steirische herbst in Graz ist das älteste internationale Festival für zeitgenössische Kunst in Europa. Es wurde 1968 auf kulturpolitische Initiative von Hanns Koren auf Beschluss der Landesregierung gegründet und bündelte zahlreiche Akteur_innen und Einzelaktivitäten in der Stadt. Bereits 1967, ein Jahr vor der ersten offiziellen Ausgabe, fand in Graz eine Veranstaltungsreihe statt, die den Titel steirischer herbst trug. Das Festival findet jährlich im September/Oktober in wechselnden Lokalitäten (Theater, Museen, diverse andere Institutionen, öffentlicher Raum) in Graz und umliegenden Orten statt. Zentral ist die Vernetzung der verschiedenen Kunstdisziplinen (Theater, Bildende Kunst, Film, Literatur, Tanz, Musik, Architektur, Performance, Neue Medien und Theorie). Darüber hinaus ist der steirische herbst ein produzierendes Festival, das Auftragsarbeiten realisiert.

Die Fallstudie zu Archivprozessen des steirischen herbst in der institutionellen Kategorie ‚Festival‘ ist aufgrund dieser Profilierung als interdisziplinäre Veranstaltung und der dezidierten Ausrichtung auf das Zeitgenössische besonders relevant. Die ereignisreiche Historie mit Uraufführungen bedeutender Künstler_innen, mit interventionistischen und in situ-Projekten, und einem spezifischen Beziehungsnetzwerk in der Stadt Graz macht die Arbeit an der Archivierung des Festivals herausfordernd.

Unter der Leitung von Veronica Kaup-Hasler (2006 bis 2017) wurden verschiedene künstlerische Formen der Aneignung und Vermittlung der Festival-Geschichte lanciert. So entwickelte die Künstlergruppe plan b (GB/DE) zum 40. Jubiläum 2007 den GPS-Audiowalk fortySomething durch die Grazer Innenstadt. 2015 entstand mit herbst-Fragmente. Wenn eine Stadt von ihrem Festival erzählt… eine App für Android und iPhone, die Zugriff auf Interviewausschnitte und originales Tonmaterial zu Festivalprojekten im öffentlichen Raum ermöglicht. Die Ausgabe zum 50. Jubiläum 2017 umfasste weitere Zugriffe auf die Festivalgeschichte in Form von künstlerischen Arbeiten, einer Ausstellung und einer Publikation. Dieser Aspekt der aktiven Aneignung und künstlerischen Reflexion der Geschichte, also einer im Rahmen des Festivals stattfindenden Aktualisierung des Archivs, interessierte uns besonders.

Die Recherchen zum steirischen herbst waren für das Forschungsprojekt auch insofern von Bedeutung, da wir die letzten zwei Jahre des Arbeitsprozesses an der Datenbank zum Archiv des steirischen herbst bis zu ihrer Onlinestellung im Rahmen der Festivalausgabe 2017 begleiten konnten. Diese Initiative mit dem Ziel, die Bestände des steirischen herbst der Allgemeinheit zugänglich zu machen und ihre Umsetzung haben exemplarischen, vorbildlichen Charakter. 2015 war dieses Projekt durch eine Crowdfunding-Kampagne zur Umsetzung der Online-Datenbank publik gemacht worden. In diesem Jahr lautete das Leitmotiv: Back to the future: Relikte, Spuren und andere Hinterlassenschaften. Veronica Kaup-Hasler erklärt im Interview:

Da ist die Frage nach der Sichtung, wer ordnet, wer entscheidet, was zeigt Google als Erstes, was poppt zuerst auf, wenn wir einen Begriff suchen, entscheidend. (…) Das betrifft auch die Fragen, was aufbewahrt wird, was gelöscht wird und auf welchen Datenträgern wir speichern. Die Machtfrage in der Archivfrage ist eine enorm politische. Da werden Dinge für die Zukunft gelegt. Und daher ist dieser Blick zurück enorm wichtig, um Handlungsstrategien für die Zukunft zu entwickeln. [Kaup-Hasler 2015].

 

II. Charakter und Herkunft des Bestandes

Das Festival leistet sich mit Martin Ladinig einen Archivar. Seit 1990 arbeitet er mit unterschiedlicher Intensität am Archiv, seit 2010 an der Digitalisierung und Erstellung der Datenbank mit bisher 4.000 Projekten und über 15.000 Mitwirkenden seit 1968. Zunächst war Ladinig temporär auf Projektbasis tätig, seit 2008 hat er eine halbe Stelle inne. Obwohl er in diesem Zusammenhang zeitweilig von einer Hilfskraft unterstützt wurde, reichte dieser Umfang während der arbeitsintensiven Phase der Digitalisierung und Datenbankerstellung nicht aus. Ladinig ist leidenschaftlich mit dem Festival verbunden und in die Aufgabe hineingewachsen. Der Bestand und sein Büro befinden sich zum Teil eingerichtet, zum Teil provisorisch in unterschiedlichen Räumen im Palais Attems, in dem auch die Festivalverwaltung und Leitung sitzen. Zu Beginn seiner Arbeit habe er eine „wüste“ Sammlung vorgefunden, die unsystematisch bestückt wurde. 1977 und 1988 hatte der kaufmännische Leiter Paul Kaufmann zu den jeweiligen Jubiläen Dokumentationen herausgegeben, die in der Hauptsache die Projekte der Ausgaben auflisten, außerdem Programmzettel und Fotografien sowie die Liste sämtlicher Mitwirkender und den Abdruck von Eröffnungsreden umfassen.

 

Abb1

Abb1

Abb1

Lagerräume des Archivs im Kellergewölbe des Palais Attems,
Fotos: Martin Ladinig

 

Finanzierung

Die Finanzierung der Archivarbeit erfolgt aus dem Festivalbudget. Das heißt, dass die jeweilige künstlerische Leitung Geld dafür zur Verfügung stellen muss. Veronica Kaup-Hasler hat die Bemühungen intensiviert und damit die komplette Aufarbeitung des Bestands und die Datenbankerfassung ermöglicht:

Das war eine persönliche Entscheidung, weil ich wusste, da werden so schnell keine Gelder kommen. Weil ein Publikum das nicht so richtig wahrnimmt, hier keine Möglichkeit zur Einnahmensteigerung besteht und so weiter. Ich bin überzeugt, dass man hier als künstlerische Leitung gefragt ist, Prioritäten zu setzen und sich zu sagen: Ok, dann muss ich eine Produktion weniger machen, weil ich glaube, dass das wichtig ist. Für eine Öffentlichkeit, als Beitrag zur Bildung, aber auch als Material für zukünftige Künstlergenerationen. Dass etwas unwiederbringlich verloren geht, wenn wir hier nicht rechtzeitig investieren. Ich bin skeptisch, dass wir das erleben werden, dass diese Initiativen und die Erkenntnis der Bedeutung von Archiven vom Staat ausgehen. Aber wir wünschen es und müssen es fordern. Unbedingt fordern. (…) Man braucht dazu eben gutes Personal, das das systematisch aufarbeitet und ein Budget. Das muss man als Priorität erkennen und einfach – neben all dem anderen, für das man Subventionen erhält – angehen. [Kaup-Hasler 2015]

 

Wer sammelt / bringt ein?

Verschiedene Abteilungen bringen Material ein: Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Dramaturgie, Kulturvermittlung sowie die Produktionsleitung bzw. die Künstler_innen selbst. Das Material geht direkt an Martin Ladinig oder die Mitarbeiter_innen speichern diese Informationen in Absprache mit ihm digital auf einem Server ab.

Außerdem seien hier die diversen Kooperationen mit Institutionen erwähnt, die selbst Material sammeln wie etwa das Haus der Architektur. Die Reihe musikprotokoll wird seit 1968 in Kooperation mit dem ORF veranstaltet und dieser Bestand ist auch dort gelagert. Es wurden jährlich eine LP, später dann CDs herausgegeben; aus finanziellen Gründen publiziert das musikprotokoll heute nur noch punktuell.

 

Was wird gesammelt?
  • Programmhefte
  • Presseartikel
  • Dramaturgisches Material sowie Briefwechsel, Protokolle
  • Verwaltungsvorgänge
  • Material aus der Produktionsleitung: Pläne/Entwürfe zur Festivalarchitektur, Bühnenbildentwürfe, technische Pläne, Skripts.
  • Mitschnitte von Produktionen (aktueller Umfang: ca. 850 DVDs). Seit 2006 wird lückenlos mitgefilmt, dabei entstehen ca. 40 Videos pro Jahr. Aus der Zeit zwischen 1968 und 2006 lagen 800 VHS-Kassetten vor, die wiederum auf 450 DVDs überspielt wurden.
  • Zuschauerstimmen werden nicht systematisch dokumentiert, nur in Ausnahmefällen, etwa im Zusammenhang mit den diversen Skandalen des Festivals. Dazu bestehen eigene Ordner mit Publikumsreaktionen und Presseartikeln.
  • Dinge / Relikte kommen selten vor. Ladinig kann in einzelnen Fällen auf den Bestand von Künstler_innen wie Günter Brus (Kostüme) verweisen, die eigene Sammlungen angelegt haben.

 

Es gibt Lücken im Bestand, zum Beispiel fehlt der Mitschnitt der österreichischen Erstaufführung von Elfriede Jelineks Prinzessinnendramen aus der Festivalausgabe von 2002. Briefwechsel mit namhaften Künstler_innen über künstlerische Konzeptionen und Strategien der Projektrealisierungen ermöglichen Einblicke in die Produktionszusammenhänge des Festivals. So zeugt ein Briefwechsel zwischen Samuel Beckett und Kurt Jungwirth davon, wie dieser den Autor zum einzigen Auftragswerk seines Lebens, Was wo (1983), überredete.

Heute stellt die Emailarchivierung wie die papierfreie Archivierung generell eine große Herausforderung dar. Ladinig beschreibt dies nicht nur als technisches Problem, sondern aufgrund der Menge der Daten auch als eines der Zuordnung sowie der Zugänglichmachung. Wer arbeitet die riesigen Datenmengen inhaltlich auf und koordiniert die Absprache mit den Autor_innen?

 

III. Sichtung

Nach einer ersten Recherche auf der Website und Literaturauswertung erfolgte im Juni 2015 die Kontaktaufnahme mit Veronica Kaup-Hasler und Martin Ladinig. Für die Fallstudie haben wir das Festival steirischer herbst dann zwei Mal zu Recherchezwecken besucht. Im Oktober 2015 haben wir ausführliche Interviews mit Veronica Kaup-Hasler und Martin Ladinig geführt. Diese wurden aufgezeichnet und komplett transkribiert. Ladinig hat uns 2015 und beim weiteren Besuch 2017 erneut durch die Räumlichkeiten des Archivs geführt, Beispiele aus dem Bestand gezeigt, den Stand seiner Arbeit verdeutlicht und sein analoges und digitales Ordnungssystem präsentiert.

Im Rahmen des Aufenthalts 2017 haben wir die Sonderausstellung zum Jubiläum Diese Wildnis hat Kultur im GrazMuseum besucht, die umfangreiches und diverses Archivmaterial wie Videoaufzeichnungen, Fotografien, Augenzeugenberichte, Presseartikel, Tondokumente und Plakate umfasste und für die Martin Ladinig als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Die Ausstellung fokussiert das Festival und sein Programm vor dem Hintergrund der jeweiligen Entstehungszeit hinsichtlich seiner lokalen bzw. gesellschaftlichen Funktionen. Einen Großteil des gezeigten Bestands machen daher die Berichte von Augenzeug_innen, Akteur_innen und Rezipient_innen des Festivals und Presseartikel aus.

 

8754

8758

8760

Ausstellungsansichten „Diese Wildnis hat Kultur“,
GrazMuseum (23.09.17-08.01.18), Fotos: Wolf Silveri

 

Des Weiteren wurden folgende Buchpublikationen ausgewertet, die Material aus dem Bestand zugänglich machen oder die Archivprozesse in Form von Texten oder Interviews mit Akteur_innen beleuchten:

 

Publikationen zu den Jubiläen 2017, 1988 und 1977
  • Martin Behr, Martin Grasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968 – 2017. Styria Verlag, Graz 2017.
  • Paul Kaufmann (Hrsg.): 20 Jahre Steirischer herbst, eine Dokumentation (1968–1987). Zsolnay-Verlag, Wien (u.a.) 1988.
  • Paul Kaufmann (Hrsg.): „10 Jahre Steirischer herbst, eine Bilanz (1968–1977). Mundus-Verlag, Wien 1977.
Weitere Publikationen des Festivals  mit Schwerpunkt auf das Thema Archiv
  • steirischer herbst (Hrsg.): herbst. Theorie zur Praxis 2017. Das Magazin zum steirischen herbst. Graz 2017.
  • steirischer herbst (Hrsg.): herbst. Theorie zur Praxis 2015. Das Magazin zum steirischen herbst. Graz 2015.

Monografie
  • Christine Resch: Kunst als Skandal: der Steirische Herbst und die öffentliche Erregung. Verl. für Gesellschaftskritik, Wien 1994.

 

Zu den relevanten Quellen gehören außerdem Material aus den Bereichen Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit wie Flyer und Prospekte zu den Audiowalks von plan b sowie DVDs mit Zusammenschnitten von Trailern der jeweiligen Produktionen einer Festivalausgabe, die der steirische herbst unter dem Titel herbst remixed jährlich herausgegeben hat. Zur Jubiläumsausgabe 2017 publizierte die Abteilung Kulturvermittlung ein Daumenkino, das 51 Projekte aus den Ausgaben von 1968 bis 2017 und zusätzlich die Ausstellung trigon 67: ambiente/environment von 1967 vorstellte. Auf schmalen, handlichen Karten ist vorne das Foto einer künstlerischen Arbeit mit der Jahreszahl ihrer Präsentation und auf der Rückseite Angaben zu den Künstler_innen, der Titel, ein kurzer Text sowie eine Frage oder eine Aufgabe abgedruckt, die assoziativ mit dem Projekt verbunden ist. Ein Beispiel:

Wie oft regen Sie sich über zeitgenössische Architektur auf und warum? (1967) Glauben Sie an Zwischenwelten? (1999) Oder: Erfinden Sie zehn unglaublich innovative Joghurtsorten! (1991) Oder: Gehen Sie zur Oper und versuchen Sie, mit Ihrem Handy ein Foto aus derselben Perspektive des vorne abgebildeten Fotos zu schießen! (1992) [steirischer herbst festival gmbh 2017]

Seit September 2017 ist der Bestand des steirischen herbst über eine online-Datenbank zugänglich: http://archiv.steirischerherbst.at/.

 

scans1600

Scans der Publikation: steirischer herbst festival gmbh (Hrsg.).
Jubiläums-Daumenkino durch 50 (plus 1!) Festivals. Graz 2017

 

 

 

IV. Ist-Analyse und Beschreibung der tatsächlichen Nutzung (intern und extern) sowie der Nutzungsmöglichkeiten

Die Online-Datenbank macht den Bestand des Archivs öffentlich und intern zugänglich. Die Digitalisierung des Bestands ist abgeschlossen und wird mit dem aktuellen Material weiter ergänzt. Die Datenbank umfasst insgesamt 95.000 Datensätze. Der digitale Bestand ist allerdings nicht komplett online zugänglich. Die Bestückung der Datenbank mit Material ist noch in Arbeit. So sind bisher ca. 2.000 Fotografien eingefügt, zu ausgewählten Projekten auch bereits Presseartikel. Auf anderes Material, das nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen ist, wird verwiesen. Martin Ladinig hält über seine Arbeit hinsichtlich des analogen und digitalen Bestands fest:

Beim physischen Archiv weiß ich um die Lücken und bin etwas schludrig. Bei der Datenbank hingegen bin ich stolz auf den Grad der Erfassung. (…) Der Zugang zum Archiv ist zuerst ein virtueller über den Bildschirm. Erst dann geht es, wenn ich konkrete Objekte benötige, ins Archiv der Dinge.“ [Hainzl 2015:74]

Kaup-Hasler und Ladinig betonten in den Gesprächen die notwendige Attraktivität des Archivs: Es solle „nutzbar, offen, zugänglich“ sein und „Spielmöglichkeiten“ bieten, die es produktiv für Rezipient_innen und Künstler_innen nutzbar mache. Der Zugang solle zeitgenössisch attraktiv, ansprechend sein. Trotz Ordnungssystem solle die Möglichkeit zum Stöbern und zum Zufallsfund erhalten bleiben und assoziative Ketten ermöglichen. [vgl. Kaup-Hasler 2015, Ladinig 2015] Die Online-Datenbank ist daher benutzerfreundlich und für eine intuitive Anwendung gestaltet. So wurde bewusst auf eine konventionelle Suchmaske oder die Volltextsuchfunktion verzichtet. Die Datenbank bietet auf der Startseite oben zunächst die Suche nach zwei Kategorien: Projekte/Projekttitel und Personen bzw. Künstlergruppen. Außerdem sind hier alle bisherigen 50 Plakate in einem kleinen Format abgebildet (Chronologie absteigend) – fährt man mit dem Cursor über ein Plakat erscheint die dazu gehörende Jahreszahl. Die Abbildungen sind anklickbar und führen zu einer Überblicksseite mit der jeweiligen kompletten Festivalausgabe, die Informationen zum Künstlerischen Team, das Leitmotiv und eine chronologische Liste sämtlicher Projekte und Veranstaltungen des Jahres (nach Datum sortiert {Chronologie aufsteigend}) bietet. Die einzelnen Titel sind wiederum anzuklicken und leiten auf die ausführlicher bestückte Seite des Projekts/der Veranstaltung. Alle Projekte sind hier mit Kerndaten erfasst: Titel, Spielort, Spieldaten, Dauer, Mitwirkende. Ein kurzer Text mit einer Inhaltsangabe / Beschreibung des Projekts wird geboten. Die Sprachen sind Deutsch und Englisch, so wie die während der Festivalausgaben publizierten Texte in diesen Sprachen vorliegen. Weitere Angaben zu vorhandenem Material sind vorgesehen. Dazu gehören u. a.: Presseartikel, Bildträger, Buch, Katalog. Außerdem werden Angaben zu Standort, Quelle, Credits, Kurzbezeichnung gemacht. Für die Erstellung der Datensätze hat Ladinig sich an denen der Salzburger und Bregenzer Festspiele orientiert.

Unter den Abbildungen der Plakate auf der Startseite kann man die Datenbank schließlich noch nach folgenden Kategorien durchsuchen:

 

  • Genre 7 Kategorien: Musik (1788 Einträge), Theorie/Crossover/Spezialprogramme (1392), Bildende Kunst (1149), Szenische Kunst (810), Literatur (267), Film (264), Architektur (100)
  • Produktionskategorie 4 Kategorien: Uraufführung 324, Österreichische Erstaufführung (126), Erstaufführung im deutschsprachigen Raum (34), Europäische Erstaufführung (11)
  • Art des Projekts 33 Kategorien, z. B.: Konzert / DJ-Set (1254), Lesung (119), Ausstellung (931), Internet Projekt (32), Performance (232)
  • Reihe 174 Kategorien, z. B.: musikprotokoll (52), Animal Art (1), Symposium über Fotografie (17), Deutsche Gefühle (1)
  • Ort 99 Kategorien, z. B.: Graz (3628), Wien (9), Steiermark (1), St. Gallen (4), Madrid (1)

 

Wer nutzt das Archiv?
  • Forschung / wissenschaftliche Anfragen

100-120 Anfragen pro Jahr

Ladinig macht dabei folgende Schwerpunkte fest:

- Interesse insbesondere aufgrund des Uraufführungscharakters des Festivals

- Elfriede Jelinek (insbesondere nach der Verleihung des Nobelpreises: Anstieg der Anfragen für Dissertationen, Diplomarbeiten)

- Olga Neuwirth

- Themenspezifische Anfragen zu Projekten im öffentlichen Raum

 

  • Für Ausstellungen oder Nachrufe wird regelmäßig Material bereitgestellt.

  • Künstlerische und vermittelnde Projekte, die mit dem Archiv umgehen
  • Das Festival nutzt den Bestand intensiv an der Schnittstelle von Öffentlichkeitsarbeit und Archivierung
  • Künstler_innen brauchen zu ihren eigenen Arbeiten Referenzmaterial insbesondere von Projekten, die nur ein oder zwei Mal stattfinden / örtlich gebunden sind, wie es im Rahmen des Festivals üblich ist.

 

Auf der regulären Homepage http://www.steirischerherbst.at/ gibt es unter der Rubrik Festival ebenfalls einen Unterordner Archiv. Dieser fasst eine Übersicht über die vergangenen Ausgaben von 1998 bis 2017 mit Links zu ihrer jeweiligen Onlinepräsentation (Webinformationen zum Programm). Diese Präsentationen entsprechen der Publikation, der Ankündigung und Bewerbung des Programms online. Sie richten sich an potentielle Besucher_innen und Interessent_innen am Festival. Diese Informationen sind nach Kriterien der Öffentlichkeitsarbeit geordnet und nicht systematisch aufbereitet wie in der Datenbank. Auch gibt es zu diesen Informationen keine Suchfunktion, d. h. man navigiert hier durch das Programm der einzelnen Ausgabe.

 

Eigene Projekte der Institution / Künstler_innen mit dem Bestand; aktuelle Arbeit mit dem Archiv (Auswahl)

2007 wurde zum 40. Jubiläum ebenfalls eine Ausstellung lanciert. Für Reading Back And Forth. Vierzig Jahre steirischer herbst: Öffentlichkeit, Politik, Erinnerung, Rebellion wurden sieben Bildende Künstler_innen eingeladen, in Auseinandersetzung mit dem Archiv neue Arbeiten zu entwickeln: Maria Eichhorn beschäftigte sich mit dem Geschlechterverhältnis der teilnehmenden Künstler_innen, Willem Ooerebeek übermalte Plakate vergangener Ausgaben und Annika Eriksson ließ den damaligen Kulturlandesrat erneut die Gründungsrede von  Hanns Koren aus dem Jahr 1967 halten.

Das bereits erwähnte Projekt herbst-Fragmente der Künstlergruppe plan b bietet Einblicke in die wichtigsten Arbeiten im öffentlichen Raum seit der Gründung des Festivals im Jahr 1967. Die App macht originales Tonmaterial zugänglich und ermöglicht Benutzer_innen den Zugriff auf über 100 Interviewausschnitte, welche die Künstler_innen zum Teil selbst akquiriert haben. herbst-Fragmente beruht auf dem GPS-Audiowalk fortySomething von 2007. Die Startversion der App aus dem Jahr 2015 wurde für das Jubiläumsjahr 2017 umfangreich aktualisiert. Im Rahmen des Festivals 2017 konnte man an Stadtrundgängen mit der App teilnehmen. Eine physische Anwesenheit in Graz ist für die Rezeption des Projekts allerdings nicht notwendig: Die App zeigt einen Stadtplan mit Markierungen, die man anklicken kann, um Texte zu lesen, Bilder zu sehen und das jeweilige Audiomaterial abzurufen: http://www.steirischerherbst.at/deutsch/Programm/herbst-Fragmente

Besonders hervorzuheben ist die umfangreiche Publikationstätigkeit unter der Künstlerischen Leitung von Veronica Kaup-Hasler. Auf der Buchvorstellung von Where Are We Now? Positionen zum Hier und Jetzt (Graz 2017) am 12.10.2017 betonte Kaup-Hasler im Gespräch mit Mitherausgeberin Christiane Kühl, dass Bücher das seien, was vom Festival schließlich übrig bleibe. Zu jeder Festivalausgabe ist das Magazin herbst. Theorie zur Praxis erschienen, welches die künstlerischen Produktionen und Akteur_innen des Festivals vorstellt, aber auch das jeweilige Leitmotiv durch Beiträge von Gastautor_innen näher beleuchtet. Diverse weitere Publikationen wie Ausstellungskataloge und Künstler_innenbücher vertiefen nicht nur Aspekte, Diskurse und Kontexte der Festivalausgaben oder halten Programme wie die der Veranstaltung Truth is concrete. Ein 7-Tage/24-Stunden Marathon-Camp zu künstlerischen Strategien in der Politik und politischen Strategien in der Kunst fest. Es sind eigenständige künstlerische, theoretische oder wissenschaftliche Beiträge/Werke, die aufwendig und hochwertig gestaltet sind. Zum 50. Jubiläum 2017 ist zum einen die erwähnte Publikation Where Are We Now? Positionen zum Hier und Jetzt erschienen: Ein Buch als Auftragswerk, welches Beiträge von 50 internationalen Kunst- und Theorieschaffenden umfasst, die das Programm des steirischen herbst in den letzten Jahren geprägt haben. Das Thema der Zeitgenossenschaft ist dabei zentral. Zum anderen gibt das Festival eine neue Jubiläumspublikation heraus. Das herbstbuch 1968 bis 2017 stellt die 50 Jahre Festivalgeschichte lose gegliedert durch die Jahrzehnte unter thematischen Schwerpunkten vor, durchzogen von Fotostrecken, insgesamt fünf sogenannter „Bilderbücher“, welche die Jahrzehnte präsentieren, und zwei „Rückblenden“ bestehend aus kurzen Texten mit persönlichen Erinnerungen und Anekdoten diverser Personen.

Im Gegensatz zu den zwei Jubiläumspublikationen von 1977 und 1988, die eine objektive, chronologisch strukturierte Rückschau auflisten und einen vollständigen Überblick suggerieren, verfolgt der Band von 2017 eine netzwerkartige Struktur und stellt unterschiedliche Positionen und Perspektiven heraus. Die Publikation forciert eine intuitive, sinnliche Lektüre. Sie umfasst zahlreiche Beiträge von Autor_innen und Künstler_innen, aber auch Abdrucke von Fotografien, Zeichnungen oder Skizzen. Journalist_innen beschreiben ihre favorisierten Aufführungsorte (Lieblingsorte). Artikel befassen sich u. a. mit dem sich wandelnden öffentlichen Auftritt: Vom Künstlerplakat zur reduzierten Grafik, mit der Rolle der Architektur beim steirischen herbst: Schwebende Hütten, fliegende Zelte oder mit den Fundstücken des Archivars. Texte fokussieren einzelne Sparten wie Tanz, Fotografie und Film oder Diskurs und Partizipation innerhalb des interdisziplinären Festivals. Porträts der fünf Künstlerischen Leiter_innen bilden eine Reihe, übertitelt als Lobhudelei. Die Publikation greift nicht nur einzelnes Material aus dem Bestand des Archivs auf, sondern macht auch die digital neu zugänglichen Informationen der Datenbank produktiv: in Form von Listen der Leitmotive oder der Untertitel für szenische Künste im Laufe der Jahre wie Antioper, Variationskomödie, Ein Gebirgskrimi, Ein Kunstmarktstück. Außerdem werden immer wieder kurze anekdotische Informationen eingestreut wie zum Auftakt: „13 x und damit am öftesten wurde der steirische herbst in der Helmut List Halle eröffnet, am zweitöftesten im Schauspielhaus (9 x)“, eine Aufzählung der internationalen Medien, die 1980 Pressekarten beantragten oder die Nennung der drei teuersten Produktionen des herbst. Den bislang kleinsten Ausstellungsraum bildete 2011 ein Kofferraum im Rahmen des Projekts Tourist Office von Michikazu Matsune. Nach dem lautesten Projekt Survival Research Laboratories 1992 gingen nach Presseberichten 379 Beschwerdeanrufe bei der Polizei ein.

 

V. Zusammenfassende Betrachtung

Die Archivprozesse des steirischen herbst bilden eine beispielhafte, vorbildliche Initiative. In den letzten Jahren wurde mit der kompletten Aufarbeitung des Bestands für wissenschaftliche, historische und künstlerische Zwecke und der Erstellung und online-Publikation der Datenbank der öffentliche Zugang zur Festivalgeschichte gewährleistet. Durch die Schwerpunktsetzung auf die „Attraktivität“ der Archivprozesse entstanden künstlerische Arbeiten, die historisches Material immer wieder neu produktiv machen. Darüber hinaus wird der Bestand auf eine avancierte Weise an der Schnittstelle von Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung nutzbar gemacht. Veronica Kaup-Hasler hält ihre Motivation fest: „Es ist kein sentimentales, nostalgisches Dispositiv, es darf nie nur Bewahren sein. Man muss zurückgreifen, um nach vorne produktiv zu werden.“ [Kaup-Hasler 2015]

Eine Fortsetzung der Arbeit wäre sinnvoll, zum Beispiel um das vorhandene Archivmaterial anhand von Fallstudien zu einzelnen Projekten genauer zu untersuchen. Offen ist zudem die Frage, wie die folgenden künstlerischen Leitungen mit dem Projekt Archivprozesse verfahren werden.

 

 

Literatur

Hainzl, Joachim. „Sammeln / Ordnen / Wissen / Teilen. Eine Archiv-Anordnung“. In. herbst. Theorie zur Praxis. Graz 2015: 72-76.
Kaup-Hasler, Veronica im Gespräch mit Barbara Büscher und Lucie Ortmann am 2.10.2015 in Graz (Transkription: Lucie Ortmann).
Ladinig, Martin im Gespräch mit Barbara Büscher und Lucie Ortmann am 2.10.2015 in Graz (Transkription: Lucie Ortmann).
steirischer herbst festival gmbh (Hrsg.). Jubiläums-Daumenkino durch 50 (plus 1!) Festivals. Graz 2017.

 

 

Download PDF

Artikelaktionen