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Archiv-Analyse "Haus der Kunst" (München)

Franz Anton Cramer (Berlin)

 

 

Ausgewählt für den Bereich Vorrecherche Archivanalyse wurde das Haus der Kunst München von uns aufgrund zweier Ausstellungen, die sich performativen Kunstformaten widmeten und in dieser Hinsicht Artefakte aus der Geschichte von Performancekunst und Tanz zusammentragen und neu kontextualisieren bzw. für die Präsentation ›aufbereiten‹ mussten. Es handelt sich um die Ausstellungen Allan Kaprow – Kunst als Leben (18. 10. 2006 bis 21. 01. 2007) und Move. Kunst und Tanz seit den 60er Jahren (11. 02. bis 08. 05. 2011).

Was geschieht in einem Ausstellungshaus, das keine eigene Sammlungstätigkeit entwickelt, mit dem recherchierten und erschlossenen Material aus der Geschichte von Performancekunst, wenn die Ausstellung abgespielt ist und / oder an weitere Orte wandert? Welche Spuren der Ausstellung wiederum sind nachträglich einsehbar und ggf. etwa für die Forschung zugänglich gemacht oder zu machen? Welcher ›Mehrwert‹ könnte daraus entstehen, auch für die Institution selbst?

Über diese konkreten Ausstellungen hinaus, interessierte uns das Haus der Kunst als Typ von Ausstellungsort, der nicht selbst Kunst sammelt, sowie als ein Ort, der durch seine spezifische Gründungsgeschichte im Nationalsozialismus, der daraus resultierenden Architektur und der immer wieder neu gestellten oder ignorierten Frage nach dem Umgang mit dieser Geschichte, ein besonderes Augenmerk auf die Historizität von Ausstellen legt.

Die ersten Kontakte liefen 2013 über die Kuratorin Julienne Lorz, die als Mitarbeiterin an den beiden genannten Ausstellungen beteiligt war. Im Vorlauf zu unserem Besuch und in Gesprächen vor Ort hatte Eric Morrill, der als Fulbright-Stipendiat zur Dokumentation von Ausstellungen zu Allan Kaprow arbeitete und mit dem wir kooperierten, im Haus der Kunst recherchiert und uns seine Rechercheergebnisse mitgeteilt. Unsere Recherche wurde nach einem entsprechenden Schreiben auch von dem Direktor Okwui Enwezor unterstützt.

 

Charakter und Herkunft des Bestandes

Die jüngere Geschichte des Haus der Kunst ist durch einen deutlichen Einschnitt gekennzeichnet, den die 1992 gegründete Stiftung markiert; in einem Verbund von öffentlicher und privater Förderung verantwortet sie seitdem das Programm des Hauses. In der Zeit von 1993 bis heute gab es / gibt es drei künstlerische Leiter: Christoph Vitali (1993-2002), Chris Dercon (2003-2011), Okwui Enwezor (seit 2011). Auch hier stellt sich – wie für andere Beispiele unserer Archiv-Analysen – die Frage: lassen sich unterschiedliche Strategien im Umgang mit der Geschichte und der Dokumentation der aktuellen Tätigkeit nachvollziehen? Sind Dokumentation und Archivprozesse Teil eines konzeptionellen Selbstverständnisses?

 

Gliederung der Bestände

Die Archivalien gliedern sich in drei große Abteilungen:

  • Historisches Archiv (seit 2004 systematisch erschlossen)
  • Ausstellungsleitung e.V. seit 1948 (Dokumente im Archiv des Künstlerverbundes  im Haus der Kunst e.V., vormals Ausstellungsleitung e.V.)
  • Ausstellungsbetrieb ab 1992 (Registratur im Magazin)

Vorhandenes Material ist aktuell in mehrere Bereiche unterteilt, die einerseits den unterschiedlichen Aufgabenfeldern entsprechen, andererseits den medialen Umbrüchen, d. h. der zunehmenden Umstellung auf digitale Kommunikation geschuldet sind.

Nach den Ausführungen unserer Gesprächspartnerinnen (s. u.) gibt es die nachfolgend aufgeführten, mitunter von einzelnen Mitarbeiter_innen betreuten Teilsammlungen:

+ Verwaltung / Justitiariat (nicht zugänglich)

+ künstlerische Leitung (nicht eingesehen)

+ Kuratoren-Archiv (teilweise ausgewertet)

+ Produktionsarchiv und technisches Archiv (Ausstellungsaufbau), teilweise integriert in Kuratoren-Archiv

+ Registratur auf Basis von FileMaker (nicht eingesehen)

+ Presse und ÖA, unter der Direktion Enwezor zusammengefasst in den Bereich „External Affairs“: Plakate, Prospekte etc.; Presseschauen zu jeder Ausstellung; ggf. Photos, Bewegtbilder (nicht eingesehen)

+ Server-Archiv (insbesondere für Emails) (nicht eingesehen)

+ Webseite: Außer den öffentlich zugänglichen Materialien sind dort auch, in digitaler Form und auf eigenen Archiv-Servern, weitere Materialien sowie Filmaufnahmen von Veranstaltungen und Ausstellungen verwahrt. Aus diesem Pool wird die Webseite fortlaufend gespeist, ergänzt und ausgebaut.

 

Art der Sichtung

Während unseres Besuchs im Juli 2014, sodann nochmals im Mai 2015 konnten wir ausführliche Gespräche mit Akteurinnen am Haus der Kunst führen. Die Gespräche sind eine zentrale Grundlage für die Zusammenstellung der Informationen und die Ist-Analyse. Sie wurden jeweils komplett aufgezeichnet und anschließend transkribierend ausgewertet:

  • Audioaufzeichnung der Gespräche mit Julienne Lorz am 22. und 24. Juli 2014 — daraus zusammenfassender Bericht
  • Audioaufzeichnung des Gesprächs mit Sabine Brantl, Kuratorin Archiv vom 23. Juli 2014 — gekürztes und bearbeitetes Transkript
  • Audioaufzeichnung des Gesprächs mit Tina Köhler, Ausstellungsmanagement und ‑produktion, vom 24. Juli 2014 — daraus zusammenfassender Bericht
  • Audioaufzeichnung des Follow-up-Gesprächs mit Julienne Lorz und Sabine Brantl am 12. Mai 2015 — zusammenfassendes Transkript
  • Audioaufzeichnung des Gesprächs mit Tina Anjou (External Affairs: Marketing) am 13. Mai 2015 — zusammenfassendes Transkript
  • Audioaufzeichnung eines Gesprächs mit Anna Schüller und Jacqueline Falk, (External Affairs, Digitale Kommunikation [betreuen die Webseite und das Webarchiv sowie unterschiedliche Dokumentationsaufgaben]) am 13. Mai 2015 — zusammenfassendes Transkript

 

Weitere Materialien sind:

Material zum Historischen Archiv und der 2014 neu eingerichteten Archiv Galerie (siehe: http://www.hausderkunst.de/ausstellungen/detail/archiv-galerie/ ):

  • Sabine Brantl, Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Archiv Galerie am 8.3.2014
  • Sabine Brantl, Haus der Kunst – München. Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus, München 2007.
  • Sabine Brantl, „Archivische Räume: Historisches Archiv und Archiv Galerie im Haus der Kunst“, Beitrag in MAP #6, Juli 2015

 

Zusammenfassende Listen unserer Durchsicht:

  • Sichtung Depot HdK München 22.+23.7.14
  • Sichtung Depot                      Ergänzung (Kaprow)
  • Sichtung Depot                      Ergänzung (MOVE)

 

Material zu MOVE (von Julienne Lorz zur Verfügung gestellt):

  • Infosheet, Pressetext, Begleitheft pdf, Move Programm Plus, Vermittlung MOVE dt.
  • „Final Archive List of Works“
  • in Papierkopie: Floorplan, aber nicht die letzte Fassung (lt. Angabe von JL)

 

Außerdem Situationsphotos aus dem Magazin: Aufstellung der Materialien

 

Vorgaben für Ablage / Archivierung

Die Künstlerische Leitung hat in der Vergangenheit kaum interveniert, was die Archivierung der inhaltlichen Arbeit von Kurator_innen und anderem Personal betrifft. Dies hat dazu geführt, dass weitgehend proprietäre Lösungen und Systematiken entstanden sind. Allerdings obliegt die Zusammenführung der Akten seit 1992 der Produktionsleiterin Tina Köhler, so dass die im Depot abgelegten Unterlagen zumindest äußerlich einheitlich behandelt werden. Die Aufstellung erfolgt nach Jahren und Ausstellungsprojekten, also chronologisch. Hinsichtlich der eingelieferten Inhalte bleibt jedoch die jeweilige Systematik unangetastet. Dadurch lässt sich prozessualen Charakter der jeweiligen Ausstellungskonzeption und ‑vorbereitung weitgehend nachvollziehen . Sabine Brantl formuliert die Erschließung und Integration dieser Materialien in die Struktur des (Historischen) Archivs als ein Desiderat. Vergabe von Metadaten oder Signaturen, Verschlagwortung oder Erstellung übergreifender Findmittel sind bislang – im Gegensatz zum Historischen Archiv – für diese Bestände und die Registraturen noch nicht vorgenommen worden. Hier könnte sich eine Erschließung im Zusammenhang mit den Umbaumaßnahmen anbieten.

 

Ist-Analyse

Als Haus ohne eigene Kunstsammlung beziehen sich die vorhandenen Archivalien nicht auf Werke und Objekte eines eigenen Bestandes, sondern auf die Genese und Realisierung von Ausstellungen. Das betrifft insbesondere die Dokumentation von kuratorischem Handeln (Konzeptentwicklung, Werkauswahl, Präsentation) sowie des Produktionsgeschehens (Leihverkehr, Künstlerkorrespondenz, Auf- und Abbau, Durchführung von Sonderaktivitäten). Ferner ist Material aus den Bereichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vorhanden. Das sind Plakate, Kataloge, Flyer, Postkarten, Presseschauen und Handouts unterschiedlichen Formats.

 

kontinuierliche Dokumentation seit Gründungsphase

Generell ist das Wirken der Institution in unterschiedlicher Intensität, jedoch durchgängig dokumentiert. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um drei historische Abschnitte. Sie gliedern sich auch durch die unterschiedlichen Trägerschaften / Rechtsformen, unter denen das Haus der Kunst seit der Gründung betrieben wurde:

  • Bau- und Gründungsphase sowie Betrieb von 1933/37 bis 1945 als Anstalt des Öffentlichen Rechts „Haus der Deutschen Kunst“
  • Nutzung und Betrieb nach 1945, im Ostflügel „Ausstellungsleitung“ (seit 1948/49) für thematische Ausstellungen und die jährliche „Große Kunstausstellung München“; im Westflügel Bayerische Staatsgemäldesammlungen
  • Ausstellungsbetrieb im Bereich zeitgenössische Kunst seit der Umstrukturierung 1992 in Form einer Stiftung [Stiftung Haus der Kunst München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH]

 

Beispiele / Einzeluntersuchung

Das Material zur Kaprow-Ausstellung ist sehr umfangreich und dokumentiert auch die Besucheraktivitäten und diverse Aktionen sowie das Reenactment von „18/6“. Das Ablagesystem ist nicht vereinheitlicht und folgt den kuratorischen Erfordernissen, aber auch den Vorlieben der jeweiligen Kurator_in. Insofern bildet es – wie später auch in den Gesprächen formuliert – die Arbeitsweise ab. Um damit weitergehend, z. B. forschend zur Ausstellungsgeschichte, arbeiten zu können, müsste es erschlossen werden. Da die Arbeit an / mit dieser Ausstellung bzw. mit diesem Projekt in vieler Hinsicht exemplarisch sein könnte, wäre eine gesonderte Erschließung – ggf. in Kooperation mit Brantl und Köhler – vielleicht sinnvoll:

  • Ausstellung – Aktionen in der Stadt – Reenactment, gleichberechtigt
  • Aktivitäten der Besucher wie und sofern dokumentiert
  • Ausstellung in München produziert – dann auf Tour (neu gemacht: Los Angeles).

 

Das Material zur MOVE-Ausstellung ist sehr viel weniger umfangreich, da die Ausstellung eine Übernahme war. Erst bei dem Folge-Besuch im Mai 2015 stellt sich heraus, dass der Verlauf der Ausstellung mit den diversen Besucheraktivitäten nicht über das übliche Maß hinaus – Photoreihen zur Anordnung der Ausstellung – dokumentiert worden ist. Dokumentation von begleitenden Aktivitäten und teilweise auch audiovisuelle Zusammenfassungen der Ausstellungen wurden, so Anna Schüller, erst ab ca. 2011 angefertigt, mit Umstrukturierung der Abteilungen und Gründung des „Stretch your View“-Programms bzw. dem ausgeweiteten Dokumentations- und Archivierungsauftrag durch Okwui Enwezor.

Hierzu gehört auch, dass keine Bewegtbild-Dokumentationen angefertigt wurden. Berichte aus dem Fernsehen (z. B. ARTE) wurden von der Presseabteilung allerdings aufgehoben. Auch werden bisweilen Trailer und Ausstellungsvorschauen zu Werbe- und Marketingzwecken hergestellt, was aber aufgrund des hohen Aufwands nicht kontinuierlich möglich war. Dagegen existieren seit dem Amtsantritt von Okwui Enwezor Mitschnitte und Aufzeichnungen zu allen Begleitveranstaltungen wie Vorträge, Konzerte, Performances, soweit die Beteiligten dem nicht widersprechen. In diesen Fällen werden dann in der Regel Audioaufzeichnungen gemacht, die für die Webseite mit Diashows unterlegt sind. Die Aufzeichnungen werden dann auf der Webseite eingetragen und sind über eigene YouTube-Kanäle einsehbar. Generell gilt: „Es wird permanent dokumentiert, in Form von Photos oder Dias oder digital – es gibt Dokumente zu allem.“ (Anna Schüller)

 

Internetauftritt / Webseite

Unter dem Titel „Stretch your view“ wurde das komplette CI, darunter auch der  Internetauftritt des Haus der Kunst auf Initiative des Direktors Okwui Enwezor verändert und ausgebaut. Es ist dezidiertes Interesse des Direktors, möglichst alle im Laufe der institutionellen Geschichte des HdK entstandenen Inhalte zur Verfügung zu stellen. Dabei bestehen kaum fachliche oder spezifische Vorgaben, nur die Festlegung des Prinzips: „Das Wissen der Institution gehört nicht der Institution, sondern der Allgemeinheit.“

Die historische Dimension des Haus der Kunst wird sichtbar gemacht, indem neben Angaben zum laufenden Programm („Agenda“; „Ausstellungen“) unter dem Menüpunkt „Forschen“ eine ganze Reihe von Materialien und Quellen zur Verfügung gestellt werden:

  • Dokumentation“ bietet Angaben zu vergangenen Ausstellungen sowohl seit 1949 wie auch seit 1992 (hier einschließlich Veranstaltungsdokumentationen)
  • Geschichte“ ist der Entstehung und Nutzung des Haus der Kunst gewidmet und zeigt Quellen und Archivmaterial zu diesem Thema auf. Jedoch steht hier größtenteils kein digitalisiertes Archivgut zur Verfügung, sondern Hinweise zur Nutzung vor Ort.

Außerdem sind unter dem Menüpunkt „Lernen“ unterschiedliche Angebote aufgelistet, die neben Ankündigungen des museumspädagogischen Programms sowohl mediale Tools (Apps, Audioguides) als auch abrufbare „Arbeitsblätter“ für Schüler unterschiedlicher Schulstufen und Videodateien umfassen. Die Angebote richten sich sowohl an Einzelpersonen als auch an Gruppen.

Insbesondere im Bereich „Dokumentation“ wird auf die fortlaufende Aktualisierung und Ergänzung hingewiesen, also auf ein Retrokonversionsprogramm. Die fortlaufende Erweiterung dieser digitalen Quellen-Dossiers betreute Anna Schüller (bis Juni 2016). Wesentliches Ziel ist es, den Ausstellungsbetrieb seit 1948 zu dokumentieren mit allen verfügbaren Materialien: Photos, Werbeträgern, Beschreibungen, Presseecho etc. Diese Aufarbeitung kann nur schrittweise geleistet werden. Die Gesamtliste aller durchgeführten Ausstellungen ist aber schon jetzt einsehbar.

Die Ablage- und Suchstruktur ist jedoch noch nicht optimal. Angeboten wird ein Schlagwort-System, das aber durch Mehrfachvergabe teils zu viele und dadurch ungenaue Ergebnisse anzeigt, bisweilen aber auch relevante Ergebnisse gar nicht anzeigt. Zudem legen die verschiedenen Einstiegsmenüs jeweils spezifische Anfragen an nur einen Bereich nahe, während tatsächlich alle Bereiche abgesucht werden. Auch dadurch ist die Trefferzahl dann unspezifisch.

 

Eigene Projekte des Hauses

Das Historische Archiv zum Haus der Kunst ist vollständig verzeichnet und steht der Öffentlichkeit für Konsultationen zur Verfügung.

Neben dem regulären Forschungsbetrieb wurde im Jahr 2014 ein Raum im Erdgeschoss des HdK als Archiv Galerie eingerichtet, die auf die Präsentation historischer Materialien aus dem Archiv des Haus der Kunst und ihrer Vermittlung an ein breiteres Publikum fokussiert ist.  Mit diesem Ausstellungsformat soll die allgemein statische Konnotation des Begriffs Archiv sukzessive einer offenen und dynamischen Form zugeführt werden. Ein integraler Bestandteil der Archiv Galerie ist das digitale Archiv, das den Besuchern ermöglicht, eigenständig auf dokumentarisches Material zugreifen zu können. Dieses interaktive Angebot wird fortlaufend erweitert.

2010/11 war das Archiv des Haus der Kunst an der von der DFG geförderten Bild- und Forschungsdatenbank www.gdk-research.de maßgebend beteiligt, die in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin und dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München durchgeführt wurde und u.a. Informationen aus den Kontenbüchern des Hauses der Deutschen Kunst enthält.

 

Strukturelle Probleme

In den Gesprächen ist immer wieder auf Probleme hingewiesen worden, die sich aus den Veränderungen im medialen Umfeld ergeben und archivisches Handeln wenn nicht erschweren, so doch zumindest zu Reaktionen herausfordern. Diese Veränderungen betreffen an allererster Stelle die mittlerweile fast vollständige Umstellung der Kommunikation auf digitale Techniken, insbesondere Emailverkehr statt Briefkorrespondenz. Sie dehnen sich aber auch auf andere Bereiche aus, so etwa Zustandsbeschreibungen und Übergabeprotokolle im Leihverkehr oder Angaben zum Ausstellungsaufbau. Hier ist einerseits eine Umstellung auf rein visuelle Kommunikation im Gange, also die Verwendung von Photos oder Videos statt schriftlicher Aufzeichnungen (dabei werden oft keine metrischen Angaben beigefügt, sodass der Prozess ungenau wird); zum anderen sind diese Dokumente weitgehend auf den digitalen Raum beschränkt und erschweren den Zugang für spätere Nutzer.

Darüber hinaus hat sich, darauf verwies insbesondere Tina Köhler, der materiale Charakter der Kunst diversifiziert. Die Art der Artefakte, die in Ausstellungen gezeigt werden, beschränkt sich längst nicht mehr auf Einzelobjekte wie Gemälde oder Skulpturen, sondern umfasst zunehmend eigens für den Raum angefertigte Installationen und Ensembles bzw. eben Happenings und Performance. Für diese Formate sind die herkömmlichen Archivierungsformen ungenügend.

 

Auf der Basis dieser Befunde ergeben sich die folgenden Desiderate:

  • Systematisierung des Sammelns
    Eine kontinuierliche und systematisch entwickelte Sammeltätigkeit ist wünschenswert.
  • Zusammenführung der Bestände
    Die aktuelle Situation, wonach die Archivalien weitgehend in den betreffenden Abteilungen bzw. auf je eigenen Servern verbleiben, sollte durch eine Zentralisierung ersetzt werden.
  • Die durchgängige Erschließung aller Bestände durch gemeinsame Findmittel, Signaturenvergabe und Bestandsbeschreibung gilt als dringende Voraussetzung für die Zugänglichkeit, und zwar sowohl für den internen Gebrauch wie auch für die Nutzung von außen (Forschung, Lehre).

 

Generell gilt, dass für die enorme Fülle an digitalen Datensätzen noch kaum brauchbare bzw. einheitliche Systeme entwickelt und implementiert sind. Wo früher z. B. Photographien oder Kontaktbögen abgelegt werden konnten, muss man sich heute durch CD-Ordner klicken oder komplizierte Verzeichnisbäume erschließen.

Für Emailverkehr gelten ähnliche Schwierigkeiten. Völlig undokumentiert bleibt zudem der Telephon- und SMS-Verkehr (früher gab es das Format der Telephonnotiz).

 

Stand: November 2017.

 

 

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