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Editorial

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Willkommen zur neunten Ausgabe des e-Journals
MAP - Media | Archive | Performance

 

MAP #9
Das Buch als Archiv-Raum und
Medium der Kunst

 

 

Mit dem thematischen Schwerpunkt dieser neunten Ausgabe von MAP wollen wir die Betrachtung des Verhältnisses einzelner Medien in und für Archivprozesse der Aufführungskünste fortsetzen. Uns interessieren dabei spezifische (An-) Ordnungsverfahren, die das jeweilige Medium aufgrund seiner medialen und materialen Eigenheiten nahelegt und erfordert. Wir untersuchen deren Nutzungsgeschichte und die damit verbundenen Formen des Zugangs wie etwa Verbreitung, Erreichbarkeit, Ortungebundenheit oder Portabilität. Es geht uns aber auch um das Überschießende, das aus einem spielerischen, künstlerischen Umgang mit solchen Medien hervorgeht und das den funktionalen Gebrauch überschreiben kann.

Nach Film und Bewegtbild, auf das sich der Schwerpunkt unserer letzten Ausgabe richtete, stellen wir jetzt das Buch ins Zentrum der Recherchen und Überlegungen.

„In einer endlosen Reihe von Katalogen dokumentieren wir weltweit bildende Kunst. So entsteht in den Museen und Bibliotheken ein immenses Archiv, eine Art ›Schattenmuseum‹ in reproduzierter Form. Mit den Publikationen wird eine zweite Geschichte geschrieben, die des heutigen Kunstbetriebs und damit der Frage, wie wir mit Kunst umgehen.“ (Walter Nikkels)

Auf den Umschlag des schmalen Bändchens, dass seine Vorträge enthält, hat der Typograph und Ausstellungsarchitekt Walter Nikkels gleich beide Begriff platziert und sie dem Buch als Medium zugeordnet – das Archiv und den Raum. Das Buch wird als Ort der (transformierten) Aufbewahrung und Dokumentation von Kunstprozessen, Aufführungen und Ausstellungen beschrieben; das Buch – der Katalog, die Werkmonographie – als das, was bleibt. Und als etwas, was durch seine Gestaltung, sein Gewicht und seinen repräsentativen Anspruch Anderes verspricht und ankündigt als z. B. eine Internetpräsenz. Zumindest scheint die nach wie vor hohe Wertschätzung des Buches darauf hinzuweisen.

 

Im ersten Teil unseres Schwerpunktes Buch + Kunst. Katalog. Dokumentation. Archiv steht dieses Verhältnis zwischen Kunst und Buch im Vordergrund.

Gewichtige Bände zu wichtigen Künstlerinnen der Performance-Geschichte – VALIE EXPORT und Joan Jonas – nimmt Barbara Büscher zum Ausgangspunkt, um an ihnen zu diskutieren, welches Material aus der Geschichte der künstlerischen Prozesse und in welcher Gestaltung in diesen Büchern vorgestellt wird und welche Zugänge zu deren Geschichte so eröffnet werden.

Das Gespräch der beiden lettischen Kuratorinnen Ieva Astahovska und Māra Žeikare mit dem estnischen Kunstkritiker Indrek Grigor zum Buch zur Ausstellung über den lettischen Künstler Hardijs Lediņš thematisiert u. a. Fragen der Auswahl von historischen Dokumenten zu den Arbeiten eines wichtigen Performance- und Aktionskünstlers sowie zu dem Kontext, in dem er in den 1980er- und 1990er-Jahren in Lettland agierte. Das Buch erweist sich auch als eine der wenigen Möglichkeiten, Lediņš’ Arbeiten international sichtbar werden zu lassen, ihnen Gewicht zu verleihen.

Das Sammeln von Flyern, Zines und anderer für den tagesaktuellen künstlerisch-aktivistischen Gebrauch und Verbrauch konzipierten Druckerzeugnisse und deren Verfestigung in einem Archiv und einer Buchpublikation scheint ein Paradox. Lucie Ortmann spricht u. a. darüber mit der Archivarin und Herausgeberin Lisa Darms, die in New York die Sammlung der Riot Grrrls betreut.

In einem weiteren Beitrag kommentiert Barbara Büscher Fundstücke aus der Geschichte der bis heute einflussreichen Publikationsreihe Material Sources of the Contempory Art, die Kasper König und später Benjamin Buchloh in den 1970er- und 1980er-Jahren am Nova Scotia College im kanadischen Halifax ediert haben. Die Frage nach der Autorschaft am Buch, die zu einer engen Kooperation mit den Künstler_innen geführt hat, ist ein Merkmal dieser Reihe.

Ein kurzer Auszug aus dem Radio-Feature Textverarbeitung – hier in Textform –, in dem Joachim Büthe mit Buchgestaltern, Verlegern und Wissenschaftlern verschiedener Fachkompetenz über das Büchermachen in Zeiten des digitalen Publizierens gesprochen hat, erweitert den Blick und die Fragestellung über das Feld der Kunst/Bücher hinaus.

 

Im zweiten Teil unseres Schwerpunktes Kunst + Buch: Aneignung. Format. (Ausstellungs-) Objekt haben wir die Blickrichtung umgekehrt und schauen auf Arbeiten, die das Buch als Ausgangspunkt künstlerischer Aneignung oder als Raum einer besonderen Anordnung künstlerischer Arbeiten verstehen. Die im Zusammenhang mit Konzeptkunst und konkreter Poesie seit den 1960er-Jahren entstandenen Künstlerpublikationen bilden oftmals einen Referenzrahmen aktueller Praxis.

Am Anfang des zweiten Teils steht ein Gespräch mit Michalis Pichler, Künstler und Mitbegründer der „Miss Read – The Berlin Art Book Fair“, die 2018 zum zehnten Mal stattfindet.

Regine Ehleiter stellt in ihrem Beitrag die Editionen der Westberliner Galerie situationen 60 vor, die in den frühen 1960er-Jahren von Barbara und Christian Chruxin als portable Galerie konzipiert worden ist. Sie luden Künstler_innen – auf der Basis eines faltbaren Modells der Galerie – ein, ihre Arbeiten auf die Parameter der Publikation zu übertragen. Stephanie Götsch zeigt anhand einiger Arbeit der Künstlerin Channa Horwitz, in deren Zentrum das Aufzeichnen und Transformieren von Bewegung steht, wie das Leporello für sie zu einer Form wird, die das Stabile mit dem Beweglichen verbindet.

Den 1988 von Paule Thévenin und Jacques Derrida herausgegebenen Band Antonin Artaud. Zeichnungen und Porträts nimmt Melanie Reichert zum Anlass, über den Stellenwert des Schreibens und Zeichnens im Verhältnis zu Artauds Theater der Grausamkeit nachzugehen. Sie sieht eine Spur, die von Artauds im Theater gesuchter Rehabilitierung des Körpers zur besonderen Bearbeitung des Papiers in seinen Zeichnungen führt.

Zum Abschluss dieses Teils untersuchen wir gemeinsam mit den beiden Buchgestaltern Florian Lamm und Jakob Kirch in einem Gespräch sowohl die erschließende und Zugang schaffende Arbeit des Gestalters zu dem Material, das im Raum des Buches angeordnet werden soll, wie auch sein eingreifender und verändernder Zugriff, der ihn zum Co-Autor machen kann.

ZUR ANSICHT sind in diese beiden Teile drei kurze Präsentationen von jüngst erschienen Büchern eingefügt, die archivische Aspekte zugleich thematisieren und realisieren.

 

Der dritte Teil dieser neunten Ausgabe von MAP führt unter dem Titel Archiv-Fragen zum einen die Reihe der in der vorigen Ausgabe eröffneten Archiv-Analysen weiter. Lucie Ortmann und Franz Anton Cramer stellen Forschungsergebnisse zu den Reposituren des Haus der Kunst München sowie der Archivierung des Festivals steirischer herbst in Graz vor. Dessen umfassende Erschließung und Darstellung der Bestände zur gesamten Geschichte des Festivals seit 1968 stand am Ende der Intendanz Kaup-Hasler und hat in unseren Augen Modellcharakter für den Umgang mit historischem Material in den freien szenischen Künsten.

Ergänzend beschreibt Nerea Ayerbe die Ergebnisse ihrer empirischen Forschungen in mehreren spanischen Museen zur Frage nach dem Umgang mit Performancekunst als Sammlungsgegenstand. Entgegen der emphatischen Diskursformel des Immateriellen als Grundzug von Performance, so die Autorin, wird ihr auf dem Umweg über deren Artefakte immer wieder ein materieller Dingstatus zugeschrieben, um sie in die Apparaturen des Museums einfügen zu können. Möglicherweise braucht es daher eine neue, den Realitäten angemessenere Definition der Kunstform.

 

Das vierte Kapitel Diagramme – Visualisierung und Methode von Wissensordnung eröffnet mit zwei Beiträgen ein Forschungsfeld, dem wir uns in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung in den kommenden MAP-Ausgaben widmen wollen. Sabine Folie, die Leiterin des 2017 in Linz eröffneten VALIE EXPORT Center. Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst, erläutert die Erschließung und An-Ordnung des von der Künstlerin deponierten Vorlasses mittels diagrammatischer Verfahren und wird uns ihr für den Ausstellungsraum konzipiertes Diagramm zur Verfügung stellen.

Der Architekt Dennis Pohl untersucht in seinem Beitrag diagrammatische Techniken in der Architektur. Er schlägt einen historischen Bogen von der Aufklärung bis zu den Bauten der Europäischen Union in Brüssel. Dabei sind vor allem Bewegungsphänomene und deren Kontrolle der analytische Schlüssel zu planerischen wie stadträumlichen Innovationen. „Bewegliche Architekturen“ werden dann das Thema der zehnten MAP-Ausgabe bilden.

 

Die neunte Ausgabe von MAP wird in zwei Lieferungen erscheinen. Die erste ist hiermit zugänglich gemacht, die zweite mit den durch Abstracts annoncierten Beiträgen versprechen wir für den Spätsommer 2018.

 

Die Herausgeber danken allen Autor_innen für ihre engagierte Mitarbeit und ihren Langmut gegenüber den Verzögerungen im Erscheinen und laden ein zu Kommentaren, Anmerkungen und Kritik.

 

Barbara Büscher, Franz Anton Cramer

Leipzig und Berlin, Mai 2018
ISSN 2191-0901

 

 

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