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Archiv-Analyse: HAU Hebbel am Ufer, Berlin

Franz Anton Cramer (Berlin, Salzburg)

 

 

 

Im Rahmen des Forschungsprojektes Verzeichnungen. Medien und konstitutive Ordnungen von Archivprozessen der Aufführungskünste (2012 bis 2017) wurden neben Fallstudien zu konkreten künstlerischen und archivischen Projekten auch eine ganze Reihe von sogenannten Archiv-Analysen durchgeführt, mit denen festgestellt werden sollte, nach welchen Prinzipien, in welchem Workflow, entlang welchen dokumentarischen Interesses und anhand welcher Systematik unterschiedliche Institutionen ihre Reposituren ordnen, bewahren, nutzen und zugänglich machen. Eine dieser Archiv-Analysen bezog sich auf das heutige HAU Hebbel am Ufer, als künstlerisches Produktionshaus und Spielstätte 1988 im Hebbel-Theater Berlin gegründet. Die Wahl für die Archiv-Analyse auf das HAU fiel aus mehreren Gründen:

  1. lokale Bedeutung: Ankerfunktion für die meist vieljährige Durchführung zahlreicher tanzrelevanter Projekte in Berlin (Tanzwerkstatt Berlin, Tanz im August)
  2. überregionale und internationale Funktion: Schlüsselstellung der Institution in der Herausbildung neuer Produktions- und Distributionsstrukturen im europäischen Freien Theater
  3. von Anfang an interdisziplinäre Programmpolitik (Musik, Tanz, Schauspiel, Performance …)
  4. konsequente Aufbewahrung von Unterlagen aus mittlerweile drei Intendanzen mit sehr unterschiedlichem kuratorischem Profil

 

Konkret gestaltete sich die Archiv-Analyse in folgenden Schritten:

  • Sichtung der unterschiedlichen Bestandsgruppen und Bestandseinheiten
  • Quantifizierung und Qualifizierung der Bestände
  • Untersuchungen zur Komplementarität der Bestände
  • stadt- und kulturgeographische Aspekte der kuratorischen und programmatorischen Aktivitäten an verschiedenen Orten Berlins vor und nach der Wende von 1989

 

Neben archivtechnische und quantitative Erhebungen trat sehr bald die Frage, in welchen konkreten Artefakten und Formen sich die künstlerische Entwicklung des Hebbel-Theater bzw. des HAU Hebbel am Ufer in der Repositur des Hauses manifestiert. Die pragmatischen Strategien bei der Herausbildung dokumentarischer Gepflogenheiten und Vorgehensweisen wie auch die spezifischen idiosynkratrischen Lösungen, die bei unserer Untersuchung zu Tage traten, sind dabei die wichtigsten Forschungsergebnisse.

Dies ist umso bemerkenswerter, als eine Abgabepflicht nach dem Landesarchivgesetz für die künstlerisch relevanten Unterlagen für die landeseigene Hebbel-Theater GmbH nicht besteht.

Die Bestände verteilen sich auf ein laufend geführtes Künstlerarchiv für den kuratorischen Betrieb, eine Registratur aus den drei Intendanzen Hertling, Lilienthal und Vanackere, ein Produktions- und Technikarchiv zur szenischen Durchführung sowie mehrere Hundert Aktenordner und 80 laufende Meter Regalablage mit Materialien zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bzw. zum Antragswesen.

 

Die genaue Erschließung dieser Materialien steht noch aus. Jedoch lassen sich bereits ausgehend vom jetzigen Kenntnisstand wichtige Schlussfolgerungen ziehen.

 

Komplementärfunktion

Es zeigt sich, dass die Repositur der Institution sich nach unterschiedlichen Arbeits-, Funktions- und Zuständigkeitsbereichen parallel entwickelt und strukturiert hatte. Das bedeutet, dass man es mit mehreren Ablagesystemen zu tun hat, die sich nach den logistischen und inhaltlichen Möglichkeiten herausgebildet haben, im Zusammenwirken, d. h. in der wechselseitigen Ergänzungsfunktion jedoch ein sehr umfassendes Bild des künstlerischen und organisatorischen Handelns bieten. Dieses ist historisch und kulturpolitisch nach mehreren Richtungen hin befragbar:

  • Erfassung der produzierten Künstler im Gegensatz zu den präsentierten Gastspielen
  • Förderpolitik der Öffentlichen Hand anhand der Antragstellungen bei Hauptstadtkulturfonds (HKF) und Kulturstiftung des Bundes (KSB)
  • Seit Gründung der Hebbel-Theater GmbH als Produktions- und Spielstätte ohne eigenes Ensemble hat sich die kulturpolitische, kulturwirtschaftliche und soziologische Ausrichtung kultureller Angebote erheblich verändert. Solche Veränderungen spiegeln sich im entstehenden Archivgut der Institutionen wieder; dies lässt sich gerade am Beispiel des HAU Hebbel am Ufer mit seiner fortlaufenden Rechtsform bei drei Intendanzen und deren spezifischer Profilierung nach künstlerischen und gesellschaftlichen Leitbildern exemplarisch darstellen und ablesen.

 

Stadt- und Kulturgeographie

Hier stehen geographische Aspekte der kuratorischen und programmatorischen Aktivitäten an verschiedenen Orten Berlins im Vordergrund, wobei auch die Zeit der Wende und der multipolaren Tätigkeiten sowohl institutionell wie inhaltlich nachvollziehbar werden können.

Im Laufe der Recherchen zum Status und teilweise auch zum Verbleib einzelner Teilbestände wurde rasch deutlich, dass nicht nur Funktionsbereiche eigenständige Einheiten herausgebildet haben, sondern dass die inhaltliche Entwicklung sich auch in der Kulturgeographie der Stadt Berlin um und nach 1990 differenziert. Es lässt sich eine Migration von Archivgut konstatieren, die sowohl mit organisatorischen Veränderungen als auch anhand von logistischen Fragen verknüpft ist. So waren etwa die Unterlagen der Tanzwerkstatt Berlin im Podewil verblieben, weil dort ein wesentlicher Arbeitsauftrag in der Durchführung und Planung der Festivalreihe Tanz im August angesiedelt war. Hierzu sind Komplementärbestände in den Räumlichkeiten des Hebbel-Theaters und des Theaters am Halleschen Ufer vorhanden (heute HAU 1 und HAU 2), während Produktionsunterlagen und kuratorische Arbeitsdokumentationen für die Spielzeiten und Themenreihen sich im Wesentlichen ebenfalls am Standort Kreuzberg befinden. Hiervon sind allerdings einige Materialien an andere Institutionen gelangt, insbesondere das Mime Centrum Berlin. Gleichzeitig sind Restbestände auch noch im Außendepot des Hebbel-Theaters vorhanden, insbesondere aus der ersten Intendanz des Hebbel-Theaters von der Gründungsphase bis zur Übergabe der Geschäfte an Matthias Lilienthal. Es lassen sich somit die Wanderungsbewegungen, die institutionell und stadträumlich veranlasst waren, in ihrer archivischen Sedimentierung sehr schlüssig nachvollziehen.

 

Die Rolle des Kuratorischen

Die konsequente Aufbewahrung von Unterlagen aus mittlerweile drei Intendanzen mit sehr unterschiedlichem kuratorischem Profil eröffnet die Möglichkeit, Rolle, Einfluss und Wirkungsweisen kuratorischer Praxis über einen Zeitraum von nunmehr fast dreißig Jahren nachvollziehbar zu machen.

Es steht außer Zweifel, dass mit der Ausweitung nicht-institutionalisierter Kulturproduktion im Bereich der Darstellenden Künste die Funktion des Kurators und seine Rolle sich rasant verändert haben. Dieser neue Status zeichnet sich in markanter Weise an den Sammlungen und Unterlagen der verschiedenen Häuser des HAU ab. Arbeitsweisen, Materialsammlungen, Konzeptentwürfe, Förderanträge und ähnliches verweisen auf die Umdeutung der Rolle des Kurators als Veranstalter und Organisator hin zu einer inhaltlich selbständigen Tätigkeit einschließlich Recherchearbeit, Konzeptentwicklung, politischer Teilnahme etc. Es sind hier neben künstlerischen Fragestellungen auch Fragen des Wissenstransfers, der Diskursivierung und der gesellschaftlichen Einbindung zu identifizieren. Dieser Prozess ist als komplexe Wechselwirkung zu verstehen zwischen neuen Formaten, die von Künstlern initiiert bzw. eingefordert wurden, und der kuratorischen Einbindung in die Logik von Förderstrukturen, Subventionsgebern und medialer Kommunikation.

 

Archiv-Analyse und Digitalisierung

Was sich an einem Bestand wie dem des Hebbel-Theater / HAU Hebbel am Ufer über die jüngere Geschichte sowohl der Berliner Kunstförderung wie auch im übergeordneten Sinne des komplexen Arbeitsfeldes des Kuratorischen abbildet, harrt einer systematischen Auswertung und Interpretation, um interessierten Kreisen kommunizierbar zu sein. Denn es gibt keinen Mangel an archivischen Quellen, es gibt nur einen Mangel an Überblick und Recherchierbarkeit. Um also den Bedeutungsraum des Dokuments als dessen Kinesphäre zu vergrößern und beweglich zu halten, sind gerade für den digitalen Raum Findmittel nutzbringender und auch notwendiger als die bloße Vermehrung algorithmischer Transformationen materiell gegebener Objekte. Das historiographische Narrativ des Archivischen ist zu keinem Zeitpunkt abschließend gegeben; ebenso wenig kann sein hermeneutisches Potential je ausgeschöpft werden. Für die Untersuchung von Performance-Ereignissen sind Archiv-Ressourcen unerlässlich.

 

 

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