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Willkommen zur sechsten Ausgabe des e-Journals
MAP - Media | Archive | Performance

 

MAP #6  Aufzeichnen. Verzeichnen

 

 

Die sechste Ausgabe von MAP widmet sich dem Thema Aufzeichnen / Verzeichnen. Sie führt damit Überlegungen fort, die in den vergangenen Ausgaben bereits begonnen wurden, vertieft und erweitert sie, so insbesondere zum Begriff und Thema des Aufzeichnens, das uns als Basis für Dokumentation / Übertragung, Archivbildung und Historiographie beschäftigt. Der erste Teil Medien und Verfahren des Aufzeichnens widmet sich den Tätigkeiten des Schreibens und Zeichnens, Filmens und digitalen Visualisierens sowie ihren Verschiebungen zwischen künstlerischem und wissenschaftlichem Vorgehen. Im Zentrum der fortdauernden Überlegungen stehen die je spezifische Medialität der Verfahren und die Frage, wie sie sich in die Artefakte des Archivierens einschreibt. Kann man die aus solchen Praktiken hervorgegangenen Artefakte als Dokumente verstehen, und welche Aussagen erlauben sie über ‚ihren Gegenstand‘? Wenn gilt, dass Bewegungs- und zeitbasierte Kunst außerhalb ihrer primären Erscheinung nur durch mediale Transformationen zugänglich gemacht werden kann, dann setzt die Möglichkeit, solche Artefakte der Transformation als Spuren vergangener Ereignisse zu lesen voraus, ihre technisch-apparativen und ästhetisch-diskursiven Bedingungen zu reflektieren.

Sammeln und Verzeichnen als Verfahren, der zweite Teil, zielt auf den archivbildenden Prozess selbst, auf die Strukturen des Sammelns, die Ordnung stiftenden Standards der Erschließung und deren Befragung durch eine jeweils aktualisierende Praxis. Aus der Verschränkung beider Perspektiven und Praktiken ergibt sich die Komplexität von Archivprozessen und repräsentierender Transformation von Aufführungs-Ereignissen. Es geht uns um die Komplementarität der verschiedenen medialen Verfahren und Artefakte, die erst im Zusammenspiel weitreichende Aussagen über das aufgezeichnete Ereignis erlauben. Denn die immanente Verknüpfung von Beschreibung und Analyse macht zugleich im Aufzeichnen Dimensionen des Ereignisses sichtbar, die in der Anschauung allein nicht erfasst werden können. Aufzeichnung und Verzeichnung, so die These dieser Ausgabe, ersetzen nicht das Ausgangs-Ereignis, sondern konstituieren es oftmals erst.

 

Medien und Verfahren des Aufzeichnens

Zu Beginn dieses Abschnitts stellt Barbara Büscher Überlegungen an zur Komplementarität von Verfahren der Fotografie / Film, Verfahren des Schreibens und Zeichnens bzw. der Diagrammatik und von dinghaften Relikten und deren je spezifischer Aussagequalitäten in Bezug auf ein vergangenes Aufführungsereignis.

Eines der ehrgeizigsten jüngeren Projekte digitaler Verzeichnung ist das Online-Portal Motion Bank. Es geht zurück auf eine Initiative der Forsythe Company und hat in mehrjähriger Entwicklungsarbeit ein Modell entwickelt und umgesetzt, mit dem choreographische Werke als digitale Scores aufgezeichnet und verfügbar gemacht werden. In einem Gespräch erläutern Scott deLahunta und Florian Jenett die Analyseschritte wie auch die technischen Konfigurationen, mit denen diese Form der beschreibenden Aufzeichnung und diskursivierenden Veranschaulichung entstanden ist.

Jasmin İhraç stellt in ihrem Beitrag die Selbstarchivierung einer Institution vor. Indem die in Barcelona ansässige Fundació Antoni Tàpies ihre Ausstellungsaktivitäten einer systematischen archivischen Aufarbeitung unterzogen hat, ergeben sich neue Kontexte und Möglichkeiten, das Ausstellen und dessen Bedeutungsgefüge zu aktualisieren und zu befragen.

Ausgehend von Fragen der Transformierung untersuchen Elisabeth Heymer und Isa Wortelkamp Verfahren der Aufzeichnung im Wortsinne: zeichnerische künstlerische Praxis erläutert Bewegungsprozesse und generiert zeitgetränkte Dokumente, die auf Temporalität ebenso basieren wie auf Evidenz und Anschaulichkeit, während auf choreographische Artefakte angewandte Schreibpraxis umgekehrt das Aufzeichnungsmedium zu Grenzüberschreitung und künstlerischer Perspektive mit dokumentarischem Wert erweitert.

Die Frage nach dem Verhältnis von Aufführung und Aufzeichnung – immer auch eine Frage nach dem zeitlichen Verhältnis von Vorher und Nachher – liegt der Initiative des Tokyo Experimental Performance Archive zugrunde, das Ulrike Krautheim beleuchtet. Ausgelöst vom Fund historischer Filmdokumente zu Aufführungen entwickelt Yasuo Ozawa eine Methode, bei der die Aufführung als dokumentarischer Akt fungiert, dessen Resultat, die Aufzeichnung, nicht nur gegenwärtige Ambitionen, sondern vor allem auch Vergangenheit re-präsentiert.

 

Sammeln und Verzeichnen als Verfahren

Im Sinne des Metiers eines Archivars erläutert Laurent Sebillotte den methodischen Umgang mit Dokumenten und den Didaskalien, die in deren Verzeichnungen notwendig sind und beachtet werden müssen, um der schieren Zeitlichkeit eine gleichsam autonome Struktur der Verfügung beiseite zu stellen.

Auch der Beitrag von Sabine Brantl befasst sich mit der Frage, wie historisches Archivgut im institutionellen Rahmen eines dem zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb gewidmeten Hauses sinnvoll geordnet und aufbereitet werden kann. Die besondere Geschichte des Münchener Hauses der Kunst, um die es hier auch geht, unterstreicht die Relevanz historischer Informiertheit für die gegenwärtige Bespielung.

Ganz neue Verfahren des Sammelns, Ordnens und Verzeichnens bietet das Internet. Anhand von transhistorischen bzw. methodisch undisziplinierten Instrumenten der digitalen Kultur können subjektive und zeit- wie ortsungebundene Konvolute entstehen, deren Erkenntniswert diesseits von wissenschaftlicher Methodik oder disziplinären Kanons offenbar wird, wie Susanne Holschbach vorführt. Und Stefanie Schulte Strathaus erläutert in einem Interview, wie eine solche Gleichzeitigkeit des vordergründig Unverbundenen im Rahmen eines aktiven, nicht auf statische Bewahrung sondern dynamische Kontextualisierung ausgerichteten Sammlungsbetriebs insbesondere auch politisch fruchtbar und relevant gemacht werden kann.

Der Beitrag von Franz Anton Cramer schließlich untersucht an Beispielen von Performance-orientierten Ausstellungen und den ihnen zugrundeliegenden temporalen Konzepten Werkbegriffe, die aus dem Archivischen heraus gleichsam als Dialog der Zeitgefüge entstehen.

 

Auch dieses Mal stellen wir drei künstlerische Positionen vor, die sich den Themen des Zeichnens / Aufzeichnens (Patrick Bossatti, Kathleen Heil) und des Sammelns / Ordnens und Präsentierens von historischen Prozessen der Aktionskunst (Barbora Klimová) widmen.

 

Die Herausgeber_innen danken allen Autor_innen für Ihre großzügige Mitarbeit. Kommentare und Anregungen sind uns jederzeit willkommen.

Barbara Büscher, Franz Anton Cramer

 

Redaktion dieser Ausgabe:
Barbara Büscher, Franz Anton Cramer, René Damm, Eric Morrill, Lucie Ortmann

 

im Juli 2015
ISSN 2191-0901

 


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Wir danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Unterstützung zur Veröffentlichung dieser Ausgabe.

 

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