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Willkommen zur vierten Ausgabe des e-Journals
MAP - Media | Archive | Performance

 

MAP #4   Archiv / Prozesse 1

 

 

Dokumentation, Aufzeichnung, Wiedergabe und Re-Konstruktion aufführungsbasierter Kunstformen sind nur als Prozess zu denken und zu realisieren. Der Zusammenhang zwischen Ereignis und Archiv ist dynamisch und wechselseitig: ebenso wie unterschiedliche Formen der Aufbewahrung, Aufzeichnung und Anordnung das Archiv konstituieren, generiert das Archiv wiederum Lesarten und Konfigurationen, die ihrerseits ereignishaft werden. Dieser prozessuale Zusammenhang steht im Mittelpunkt der vierten Ausgabe von MAP.

Im Prozess des Aufzeichnens werden Ereignisse und Realitäten in Medien und Materialien transformiert, die andere sind als die, durch die sie in Erscheinung traten. Diese Artefakte, Ergebnis medialer Transformation und Inskription in bewegliche Formate, dienen zur Generierung neuer Methoden der Aneignung und diskursiven Durchdringung. Insofern ist die Wechselseitigkeit des Funktionszusammenhangs von Ereignis und Archiv zwar konstitutiv, aber sie entzieht sich einer primären Hierarchie. Selbst wenn es eine zeitliche Abfolge geben mag, ist es doch oftmals unmöglich – oder möglich nur um den Preis einer ontologischen Reduktion – zwischen Ursprung und Folge, zwischen Frage und Antwort zu unterscheiden.

Allerdings sind künstlerische Strategien der Arbeit im und mit dem Archiv nicht notwendig diejenigen von Geschichtsschreibung oder der kuratorischen Konzeptualisierung in Ausstellung, Event oder Diskurs, auch wenn vermeintlich gleiche Formate zur Anwendung kommen („Retrospektive“, „Installation“, „Reenactment“ u.ä.). Wie können diese Differenzen im Sinne eines beweglichen Zugangs produktiv gemacht werden? Wie verhalten sich Performance, Archiv und Ausstellung zueinander? Ergänzen sich die unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen? Sind Verfahren der Transformation – Gegenwart in Performance, Performance in Geschichte, Performance-Geschichte in gegenwärtigen Zugang – unabhängig voneinander aufzufassen und zu untersuchen?

Die ‚Arbeit am Archiv’ als diejenige, die sich der Etablierung des Archivs – also dem Aufzeichnen, Dokumentieren, Sammeln etc. widmet – muss nicht unbedingt Arbeit im Nachhinein sein. Sie tritt ins Verhältnis zur ‚Arbeit im Archiv’, die die dort versammelten Artefakte zugänglich macht, sie präsentiert, neu kontexualisiert und transformiert. Diese Zuordnungen verschränken sich, wenn das Archiv nicht nur konstituiert wird von den Eingaben (als Objekte, Dokumente, Artefakte, Quellen), sondern auch von der Nutzung (Befragung von Ordnung, Rekombination von Elementen, historische oder thematische Zuschreibung). Es stellt sich also die Frage nach dem, was überhaupt ins Archiv gelangt und die Frage, was von dort wieder hinausgetragen wird, und zu welchem Zweck beide Operationen vorgenommen werden.

Um diesen Fragenkomplex kreisen die in dieser Ausgabe versammelten Beiträge.

 

I. Aufzeichnen und Aufheben

Zu Beginn unternimmt Jana Horáková einen Überblick der unterschiedlichen Konzepte von Gedächtnismedien und Erinnerungsprozessen anhand eines webbasierten Kunstprojektes zu Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Sie stellt Aspekte heraus, die das Verhältnis von Erinnern und apparativem Speichern, von analogen und digitalen Formen der Bewahrung betreffen.

Knut Ebeling fragt sodann, wie das Verhältnis von Performance und Aufzeichnung angemessen betrachtet werden kann. Er geht dabei von einer Umkehrung der Verhältnisse aus: Nicht die Aufzeichnung ist es, die einem gewesenen Ereignis Materialität verleiht, sondern das Ereignis materialisiert sich überhaupt nur in der und als Aufzeichnung.

Die Künstlerin Debbie Guinnane resümiert ihre Erfahrungen mit der Aufzeichnung von Performance im Medium des automatischen Schreibens / Zeichnens im Begriff und Konzept des Transversal. Am Ende ereignet sich hier die Mehrung von Spuren statt einer Reproduktion des Gewesenen.

Der Bericht von Ulrike Krautheim über ein Video-Archivprojekt von Hikaru Fujii, das den Auswirkungen der Erdbebenkatastrophe im nördlichen Japan vom März 2011 nachspürt, untersucht den Zusammenhang von Zeugenschaft, Kunstproduktion und medialer Öffentlichkeit angesichts eines vor allem in der persönlichen Erfahrung realen Traumas.

Dagegen verfolgt das Archiv der „Mobilen Akademie“ von Hannah Hurtzig eine Strategie der Entgrenzung, weil nicht die eine Erfahrung im Mittelpunkt steht, sondern eine Vielzahl intimer und dialogischer Begegnungen im Format des „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“, wie Juliane Männel darlegt. Die auch ironisch mit Überfülle operierende Inszenierung ist in ein digitales Archiv transformiert, dessen Operationsweisen die Autorin vorführt.

 

II. Ausstellen und Aufführen

Im zweiten Kapitel zeichnet Barbara Büscher zunächst die komplexen Beziehungen nach, die zwischen den Formaten von Ausstellung und Aufführung zu verzeichnen sind. Neben die An-Ordnung der Materialien und Artefakte als räumliche Maschine der Konzeptualisierung oder Generierung von Wissen in Ausstellungen tritt die Anlage der Wege und räumlichen Aufforderungen an die Besucher_innen, Bewegung als Basis der Wahrnehmung zu verstehen und zu aktivieren.

Franz Anton Cramer befasst sich anhand des choreographischen Museumsprojekts „›Retrospective‹ by Xavier Le Roy“ mit dem Werkbegriff, der einerseits museal definiert, andererseits ontologisch lückenhaft ist, durch die Neubesetzung im Rahmen von Le Roys Projekt jedoch im Sinne des Zeitgenössischen aktualisiert wird.

Die vergleichende Betrachtung zweier feministisch inspirierter Archiv-Befragungen von Lucie Ortmann erweitert die Perspektive auf Zusammentragen und kritische Präsentation. Anhand des Installations- und Publikationsprojektes „›Weibliche‹ und ›männliche‹ Körpersprache“ von Marianne Wex blickt Ortmann auf die Rolle der Bildlichkeit des Körpers und dessen „zitationellen“ Status. Während die französische Choreographin Gaëlle Bourges ebenfalls auf normierte Repräsentationen des (weiblichen) Körpers rekurriert, sie aber im Aufführungszusammenhang gegen sich selbst kehrt.

Sven Bergelt berichtet von der medial determinierten „Kultur des Kopierens“, wie sie durch Internetinstrumente wie YouTube zu einer neuen Form der archivischen Bestandsbildung und Synchronizität von Eintrag und Umbildung führt.

Auch in der mittlerweile netzbasierten Praxis des Voguing, so zeigt Jasmin İhraç, hat sich eine Veränderung dahingehend vollzogen, dass der soziale und gesellschaftliche Kontext sich zwar verlagert hat, das gestische und körperliche Repertoire dagegen in seiner Wirkungsmacht fortdauert.

Abschließend präsentiert Masahiko Yokobori das Theaterprojekt „Aufzeichnung einer Reise zu Antigone“ des japanischen Regisseurs Masataka Matsuda. Das Projekt schließt ebenfalls an die Erfahrungen des März 2011 an und verbindet eine Reise seiner Spieler und Protagonisten mit verschiedenen Formaten der Präsentation als installative Aufführung, im Internet und bei Twitter. Die prozessuale Dauer der Inszenierung schreibt sich integral ein in die Aufführung und ihre Medien des Dialogs. Die Aufführung inszeniert und generiert ihr Archiv gleichzeitig.

 

Einige der Beiträge dieser Ausgabe gehen auf die Workshops „Performance Geschichte Kuratieren“ sowie „Performance Geschichte Ausstellen“ zurück, die am 13. und 14. Dezember in Leipzig sowie am 23. und 24. April 2013 in Berlin als Veranstaltung des Forschungsprojekts „Verzeichnungen“ stattgefunden haben. Die nächste Ausgabe von MAP wird weitere Beiträge aus diesem Zusammenhang vorstellen.

 

Wir danken sehr herzlich allen, die zu dieser Ausgabe beigetragen haben und freuen uns auf Eure / Ihre Anregungen und weiterführende Überlegungen.


Barbara Büscher
Franz Anton Cramer
René Damm
Verena Elisabet Eitel

 

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Wir danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Unterstützung zur Veröffentlichung dieser Ausgabe.

 

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Oktober 2013

ISSN 2191-0901

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