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Sie sind hier: Startseite MAP II Entscheidung und Augenschein (2011) #2 Editorial

Editorial

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Willkommen zur zweiten Ausgabe des e-Journals
MAP - Media | Archive | Performance

 

MAP #2  Entscheidung und Augenschein



Künstlerische Prozesse sind Ergebnis von Entscheidungen. Was zur Ansicht gebracht wird, beruht auf Auswahl, Anordnung, Einschluss und Ausschluss von Elementen, Gedanken, Themen. Die Grundkompetenz zur Entscheidung – begründet oder intuitiv, planvoll oder zufällig, willkürlich oder reflektiert – liegt der Produktion von Kultur zugrunde.

Die Konstruktion von Geschichte/n basiert auf Entscheidungen: über die Qualifizierung von Zeugnissen, deren Strukturierung und Anordnung, über Verfahren der Darstellung und Vermittlung. Ereignisse werden klassifiziert, Artefakte als Spuren gelesen und medial transformiert.

Was in Ausstellungen, auf der Bühne oder in Datenbanken erscheint, geht auf Entscheidungen zurück. Entscheidungen sollen überzeugen, einsichtig machen, sichtbar werden lassen.

Die zweite Ausgabe von MAP – Media | Archive | Performance interessiert sich für diese Prozesse des Auswählens, Anordnens und Verknüpfens, die in Aufführungen, in Ausstellungen, im Kunstschaffen, in der historischen und theoretischen Reflektion wirksam werden und spezifische Ergebnisse, Lesarten und Behauptungen formulieren.

 

Entscheidung und Augenschein ist die andere Seite des beweglichen Zugangs, mit der die doppelte Bewegung der Auswahl, - der Strukturierung oder Formung - und der Präsentation, - der Visualisierung oder Darstellung - zum Thema werden soll, die jeden Zugang aufs Neue bestimmt.

Die Beiträge sind in vier Abschnitten angeordnet, die jeweils verschiedene Ebenen von Entscheidungsfindung in den Blick nehmen und auf deren Kontexte und Zielsetzungen verweisen. MAP #2 lädt dazu ein, den Augenschein nach beiden Richtungen zu befragen: hinsichtlich der Entscheidungen, die zu einer bestimmten Erscheinungsform führen, aber auch hinsichtlich der Verdichtungen des Realen, die durch komplexe Auswahlprozesse hergestellt werden.

 

 

I. Kartographieren

verstehen wir in einem doppelten Sinne: als Bestandsaufnahme und Ordnung von Elementen eines lokalen oder zeitlichen Ausschnitts aus Geschichte, als Eintragen von Linien und Verbindungen, als Aufweis von Lücken und Leerstellen, aber auch als Teil einer künstlerischen Strategie.

Am Anfang steht in diesem letzteren Sinne der Beitrag von Ulrike Krautheim, der an den Arbeiten der japanischen Performance-Gruppe Port B den Zusammenhang von künstlerischer Strategie und Recherchearbeit aufzeigt, die historische Leerstellen und soziale Parallelwelten sichtbar macht.

Die slowenische Künstlergruppe Irwin legt im Gespräch mit der Theaterwissenschaftlerin Veronika Darian die Bedingungen und Ergebnisse ihres Projektes East Art Map dar. Es wird deutlich, wie die Idee der Partizipation Vieler an der Re-Formulierung osteuropäischer Kunstgeschichte in weiteren ihrer Kunst-Projekte fortgeschrieben wird.

Der Arbeit an der Sichtbarmachung bisher unzugänglicher Entwicklungen im Bereich der Performance und anderer Formen ‚nonkonformistischer Kunst’ widmet sich ein Projekt, in dem die lettische Kunsthistorikerin Ieva Astahovska arbeitet. Im Gespräch mit Zane Zajanckauska erläutert sie Begriff und Gegenstandsbereich dieses Projektes.

Britt Schlehahn befragt jüngere Ausstellungsprojekte zur Kunstgeschichte in beiden deutschen Staaten auf ihre blinden Flecken, Auslassungen und Entscheidungsnotstände in Hinblick auf die Darstellung prozessorientierter Kunstformen.

 

 

II. Überschreiben, transformieren

stellt Ansätze zur künstlerischen Auseinandersetzung mit Werken bzw. Phänomenen der Vergangenheit dar und fokussiert Formen des performativen Zugangs. Das, was zur Zeit als Reenactment große Aufmerksamkeit erfährt, wird in drei verschiedenen Kontexten auf Motivation und Zielsetzung befragt. Jana Horáková und Gíván Bela / Michal Kindernay entwerfen Rahmenbedingungen und die Voraussetzungen eines gemeinsamen Projektes, das Ende 2010 realisiert werden soll. Es geht dabei zentral – und als Setzung gegen ein historisierendes Verständnis von Reenactment – um die mediale Umschreibung einer Theateraufführung - live ausgeführt, ephemer. Ihre unterschiedlichen Beiträge zeugen von einer intensiven Kooperation zwischen einer Medienwissenschaftlerin und zwei Medienkünstlern.

Die Präsentation des Kunstprojektes Replaced – Brno 2006 möchte die Arbeit der tschechischen Künstlerin Barbora Klimová in diesen Zusammenhang stellen. Ihre Aneignung von Performances der 1970er und 1980er Jahre als aktuelle Re-Inszenierung versteht sich als eine Untersuchung der Verschiebungen im öffentlichen, urbanen Raum.

Der Tänzer und Choreograph Daniel AlmgrenRecén umkreist in seinem Beitrag spielerisch Ideen und Motivationen für seine performative Aneignung eines kanonisierten Werkes der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts.

 

 

III. Zusammenstellen, zur Ansicht bringen

stellt kuratorische und gestalterische Strategien vor, die komplexe Verflechtungen aus Kunstmarktökonomie, Aussagewillen, Medientechnologie und Design in sinnstiftende Zusammenhänge bringen bzw. solche übergreifenden Sinnstrukturen erläutern.

Das Berliner Festival IN TRANSIT handelt davon, wie Performance entsteht, welche kulturellen, historischen, sozialen Kräfte dabei wirksam sind und wie man über das Besondere im globalen Einerlei angemessen sprechen kann. Die vorerst letzte Ausgabe fand unter der künstlerischen Leitung von André Lepecki und Silke Bake im Juni 2009 statt. In einem Gespräch mit André Lepecki und einem Textbeitrag von Silke Bake wird das Projekt IN TRANSIT bilanziert.

Die Kuratorin Christine Peters erläutert an einem ihrer Ausstellungsprojekte, wie das Interesse an prozessualen und performativen Kunstformen zu Entscheidungen über Präsentation und Arbeitsweisen führte. Ihre Überlegungen münden in ein Programm zur Entschleunigung des Ausstellungsbetriebes und der kuratorischen Arbeit.

Gabriele Blome diskutiert in ihrem Beitrag (der im November erscheinen wird) Visualisierungen von digitalen Archiven als eine Form des Zugangs zu komplexen Zusammenhängen und untersucht an zwei verschiedenen Ansätzen, wie sie als Instrumente der Wissensproduktion fungieren und ob die darin enthaltenen Vorgaben und Entscheidungen für den Benutzer transparent werden.

Oliver Klimpel erläutert (s)eine aktuelle Position in der Design-Theorie und -Praxis, die sich selbst – in Auseinandersetzung mit der Geschichte der Moderne im Design – als ein System kritischer Methoden zur Untersuchung kultureller Produktion versteht.

 

 

IV. Geschichte markieren

untersucht, welche Auswahlkriterien und methodischen Vorkehrungen angewendet werden, um historische Entwicklungen zu dokumentieren und zusammenzufassen. Der Doppelsinn ist dabei mit Bedacht gewählt: Jedes historiographische Projekt tritt unter der Behauptung an, Geschichte zu verkörpern, insofern ist es nichts als ein anmaßendes Markieren von Kompetenz. Andererseits ordnet sich die Geschichte selbst und auch die Geschichtsschreibung nach Markierungen und Wegmarken, die zum Diskurs notwendig sind und retrospektiv in einer Art kollektiver Verständigung entwickelt werden.

Heike Roms erläutert ausführlich, welchen besonderen Bedingungen die Geschichtsschreibung der performativen Künste unterliegt und wie die Diskurse der vergangenen Jahre die Frage nach der Herstellung und Darstellung von Zeugnissen einkreisten. Anhand ihres eigenen Forschungsprojektes zur walisischen Performancekunst zeigt sie, wie und warum Geschichtsschreibung sich selbst wiederum performativer Formen bedient und Evidenz in Szene setzt.

Jeannette Stoschek untersucht den Umgang mit Geschichte und Materialien einer Fotografengruppe aus der DDR der 1950er Jahre. Sie diskutiert die Formen möglicher Präsentation im Rahmen einer aktuellen Ausstellung, die wiederum die Besonderheiten der historischen Ausstellungen reflektiert.

Barbara Büscher wirft anhand eines Beispiels prozessorientierter Kunstformen / Intermedia aus der Geschichte der DDR die Frage auf, wie die Konzentration auf ein Ereignis und die daran sichtbar werdende Vernetzung der Akteure in den Artefakten und Texten über dieses Ereignis gespiegelt werden können.

Franz Anton Cramer untersucht aktuelle Probleme der Tanzgeschichtsschreibung zwischen ästhetischen und taxonomischen Perspektiven. Inwieweit ist eine Kanonbildung notwendig, und wie können digitale Medien zur Absicherung der Quellenlage dienen?

Der Beitrag von Daryl Chin weist auf Ungenauigkeiten, Verkürzungen und strategische Leerstellen hin, die sich anhand der jüngeren Geschichtsschreibung zum Judson Dance Theater beobachten lassen.

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Wir freuen uns, dass wir Ihnen trotz aller Schwierigkeiten, die aus mangelnder finanzieller Absicherung resultieren, eine umfangreiche zweite Ausgabe vorstellen können und danken allen Beiträger/innen sehr herzlich für die gemeinsame Arbeit und Diskussionen sowie ihre Bereitschaft, sich unentgeltlich zu beteiligen.


Wir hoffen auf Ihre / Eure Reaktionen, Anregungen
und weiterführenden Überlegungen.

Barbara Büscher, Franz Anton Cramer (Herausgeber MAP #2)
Thomas Bitterlich, Gabriele Blome, René Damm (Redaktion)

Juni 2010

 

ISSN 2191-0901

 

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