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Archiv-Analysen Teil 3: Dokumentation als Teil der Produktion - RIMINI PROTOKOLL

Lucie Ortmann (Wien)
Auf der Grundlage eines Gesprächs mit Helgard Haug und Juliane Männel

 

 

 

 

Das Forschungsvorhaben Verzeichnungen. Medien und konstitutive Ordnungen von Archivprozessen der Aufführungskünste (Juli 2012 bis März 2017) befasste sich mit den vielfachen Wechselwirkungen von Archivprozessen und künstlerischen Praktiken. Die so bezeichneten „Archiv-Analysen“ richteten sich auf die Praktiken des Sammelns und die Prozesse des Erschließens und Nutzens verschiedener Akteur:innen und Institutionen im Bereich Performancekunst/Freie Theater- und Tanzszene.

Im Rahmen dieses Forschungsprojekts führten Barbara Büscher und ich am 18. Januar 2016 mit Helgard Haug und Juliane Männel von Rimini Protokoll in deren Büro in Berlin ein Gespräch über die Archivierungsprozesse der Gruppe. Uns interessierte, wie die renommierte, medial-technisch versierte Künstler:innengruppe ihre Arbeit dokumentiert, ob es so etwas wie ein kontinuierlich betriebenes Archiv gibt, für wen es zugänglich ist und von wem es genutzt wird. Dieser Bericht ist gleichzeitig wie ein Griff ins Archiv dieses Forschungsprojekts – die Genese des Materials sowie das Gespräch liegen fünf Jahre zurück. An einigen Stellen wurde das Interview von 2016 um aktuelle Kommentare erweitert.

 

Rimini Protokoll ist das Autor:innen-Regie-Team Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, das seit 2000 zusammenarbeitet. „Sie entwickeln ihre Bühnenstücke, Interventionen, szenischen Installationen und Hörspiele oft mit Expert:innen, die ihr Wissen und Können jenseits des Theaters erprobt haben. Außerdem übersetzen sie Räume oder soziale Ordnungen in theatrale Formate. Viele ihrer Arbeiten zeichnen sich durch Interaktivität und einen spielerischen Umgang mit Technik aus.“ [https://www.rimini-protokoll.de/website/de/about]

 

Charakter des Bestands | die Homepage als Hauptort des Archivs

Die Dokumentation der künstlerischen Arbeit findet maßgeblich auf der Homepage statt beziehungsweise wird auf dieser präsentiert. Zum Teil haben Projekte eigene Websites, die integraler Bestandteil des Projekts selbst/der Aufführung sind; nicht zuletzt hier verschwimmen die Grenzen von dokumentarischer und künstlerischer Arbeit im Rahmen der Archivierungsprozesse von Rimini Protokoll.

 

Abb1

Screenshots Website von Juliane Männel, Februar 2021

 

Es gibt audio-visuelle Mittschnitte der Produktionen und zahlreiche Dokumentationen in gebundener Form. Außerdem finden Medientransfers von Aufführungen in Hörspiele und Fernsehfilme statt. Es gibt grundsätzlich zwei unterschiedliche Arten von audio-visuellen Dokumentationen: diejenigen, die sich am Bühnenraum ausrichten und diejenigen, die dies am Verhältnis von aktiven Zuschauer:innen, Mitspieler:innen und der vorgegebenen Spielsituation tun.

In den Büroräumen von Rimini Protokoll existiert eine Anzahl von Belegexemplaren von Programmbüchern, Publikationen sowie ein Raum-Modell von Situation Rooms. Ein Multi Player Video-Stück (2013), das nachträglich für eine Ausstellung angefertigt wurde. Material aus Entstehungs- und Probenprozessen sowie Kommunikation finden sich unsystematisch bei jedem einzelnen Mitglied der Gruppe.

 

Abb2 Abb22 Abb1 Abb1

Büro- und Lagerräume Rimini Protokoll, Fotos: Epona Hamdan, Februar 2021

 

Auffällig ist, dass Rimini Protokoll in den diversen die Arbeit dokumentierenden Formaten ausführlich Auskunft über Arbeitsprozesse erteilt. Die Zugänglichmachung der Arbeitsweise, des Entstehungsprozesses, des verwendeten Materials spielt eine zentrale Rolle. So bezeichnet Helgard Haug im Gespräch mit uns das Programmbuch als „eine Art Logbuch der Recherche“ und betont: „Die Dankesliste ist für uns zum Beispiel wichtig, dort sieht man, wer die Gesprächspartner:innen im Prozess waren, wovon letztlich eine kleine Auswahl den Weg auf die Bühne findet“ [Haug 2016]. Juliane Männel weist darauf hin, dass die veröffentlichten Arbeitsmaterialien genau ausgewählt und durchaus auch lektoriert sind. Viele der Erstgespräche zwischen Rimini Protokoll und den teilnehmenden Expert:innen oder auch Probenmitschnitte enthielten explizit internes und schützenswertes Material, das nicht zur Veröffentlichung freigegeben sei.

Die Website von Rimini Protokoll www.rimini-protokoll.de/ umfasst zahlreiches, detailliertes Material zu den einzelnen Projekten. Online zugänglich sind komplette Videodokumentationen, Trailer, digitalisierte Programmbücher beziehungsweise Programmhefte, Pressematerial, Audiobeiträge und Bildmaterial (Pressefotos der Produktionen). Texte sind in mehreren Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch etc.) verfügbar.

Für die extensive und intensive Bearbeitung der Homepage und der projekteigenen Websites hat die Gruppe ein Budget eingerichtet. Teile der Pflege der Websites übernehmen aber auch die Mitglieder der Gruppe selbst.

 

„Das Internet spielt bei uns als Archiv oder als Gefäß die größte Rolle. Als wir unsere erste Homepage entwickelt haben, musste es eine sein, die von uns selbst gefüttert werden kann. Sie richtete sich selbstverständlich nach außen, aber sie war für uns eine Möglichkeit, diverses Material zu sammeln. Dort kamen alle Formen von Texten, die Fotos, die Filme rein. Die Website war sozusagen unser Archiv. Darüber hinaus hat jeder von uns ein Archiv in diesen Maschinen (zeigt auf den Laptop). Das sind die Sachen, die zu Projekten führen: frühe Textformen zum Beispiel, Skizzen und Schritte, die nicht das finale, gefasste Projekt betreffen, sondern Kommunikation, überhaupt Diskussionsaustausch. Und es gibt so was wie hier (zeigt auf Regale), was eher kümmerlich ist. Es gibt noch zwei andere Räume mit weiterem Material, aber wir betreiben das nicht wirklich. Man nimmt mal ein Plakat oder einen Flyer mit. Das ist auf uns drei verteilt und wurde unterschiedlich leidenschaftlich betrieben. Es ist nicht systematisch und wir messen dem auch nicht gemeinsam einen Wert bei. Erst mit der Möglichkeit eine Homepage zu erstellen, bekam das eine klare Richtung. Im Moment stehen wir vor der Erkenntnis, dass das Material auf der Seite zu umfangreich geworden ist. Dass Leute, die praktisch einfach mal kucken wollen, was Rimini Protokoll überhaupt ist, leicht überfordert sind. Dass wir es vielleicht zweiteilen müssten, in eine Homepage und in ein Onlinearchiv. Das ist eine interessante Erkenntnis, dass wir die Website so vollgepackt haben – vielleicht auch in Ermangelung einer anderen Entscheidung, was Archivierung angeht.“ [Haug 2016]

 

Die Website wurde mittlerweile neu sortiert und übersichtlicher gestaltet. Jedoch nicht zweigeteilt.

Es scheint für Rimini Protokoll weder Reiz zu haben noch Sinn zu machen, ein physisches Archiv zu betreiben.

 

„Viele Dinge, wie Bilder zum Beispiel, gibt es als Objekte gar nicht. Auch viele Presseartikel haben wir nicht ‚real‘, als haptische Objekte, sondern nur digital. Die Süddeutsche hat uns irgendwann die Erlaubnis entzogen, die Artikel komplett auf unserer Website abzubilden. Es ist schwierig, umfassend zu dokumentieren, weil viele Medien heute den Zugang zu Artikeln beschränken und man zahlen muss, um Beiträge einsehen zu können. Das ist eine Bewegung weg von den ersten Jahren, wo man im Internet alles zur Verfügung gestellt hat.“ [Haug 2016]

 

Dokumentation als Teil des Produktionszusammenhangs

Rimini Protokoll verankern die Dokumentation ihrer Produktionen, rechtlich und finanziell, bereits in den Verträgen mit den jeweiligen Institutionen. Das bedeutet, dass zum Beispiel die Rechte am Programmheft Rimini Protokoll gehören und dass Verträge eine professionelle audio-visuelle Dokumentation der jeweiligen künstlerischen Arbeiten miteinschließen. Die Stücke touren und die Aufführungsorte produzieren oft eigene Trailer, so dass schließlich mehrere existieren. Von partizipativen Projekten ist dieses ortsspezifische Material besonders interessant. Es können also zwei Modelle ausgemacht werden: die beispielhafte filmische Dokumentation einer Aufführung und die Dokumentation einer Produktion durch die Repräsentation einer Aufführungsserie.

 

„Die erste Form ist die audio-visuelle Dokumentation von Aufführungen. Es ist sehr aufwendig, gute Mitschnitte zu erstellen. Wir versuchen sie mit drei, vier Kameras zu machen und auch Details zu filmen, ein Team zu finden, dass sich die Aufführung vorher ankuckt. Ein anderes Beispiel ist die Serie 100% Stadt. Eine statistische Kettenreaktion (seit 2008). Das ist eine Spielanordnung, die quasi immer gleich ist. Aber es gibt andere Spieler:innen pro Stadt und auch das Setting variiert leicht. Teil des Vertrags ist eine audio-visuelle Dokumentation plus Schnitt. Das ist immer ein Streitpunkt mit den Veranstaltern.“ [Haug 2016]

 

Abb3

100% Berlin reloaded, 2020, Fotos: Dorothea Tuch

Screenshots Buchveröffentlichung: Programmbuch 100% Berlin Reloaded, Hrsg. Rimini Protokoll, anlässlich einer sich rasant verändernden Stadt und im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums von Rimini Protokoll JETZT feiern 9.–12.1.2020. Berlin, HAU Hebbel am Ufer

 

„Neben dieser filmischen Dokumentation gibt es jedes Mal eine Buchpublikation. Beides gibt es immer, auch um die Reihe als Reihe kenntlich zu machen. Das haben wir mittlerweile in 38 Städten so umgesetzt. Im Buch findet man eine Art Steckbrief zu den Spieler:innen. Da ist praktisch der Prozess des Castings abgebildet. Für 100% Stadt casten die Leute sich selbst nach einem Schneeballprinzip und das Buch macht deutlich, wie die Personen miteinander verbunden sind. Die Praxis zeigt, dass die Zuschauer:innen das Buch nicht vor oder während des Aufführungsbesuchs lesen, sondern mit nach Hause nehmen und nachträglich kucken, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten, wer hier ihre Stadt repräsentiert. Das ist die Behauptung oder der Versuch, dass die 100 Leute auf der Bühne die Bevölkerung der Stadt repräsentieren. Die Bücher gibt es in unterschiedlichen Formen, einige sehr schöne und aufwendige.
Und dann gibt es eine dritte Form, die für uns wichtig ist: das Überführen von einem Stück in ein anderes Medium. Zum einen zu Dokumentationszwecken, aber wir produzieren zum anderen auch Hörspiele oder kleinere Installationen aus Stücken, die dann künstlerisch eigenständige Arbeiten sind. Es ist eigentlich ein Transfer. Wir haben auch einen Film aus einem Stück entwickelt. Wallenstein (Deutsches Nationaltheater Weimar, 2005) – da hatten wir einen Auftrag und auch die Mittel von 3SAT. Statt das Stück zu dokumentieren, mitzuschneiden, wollten wir versuchen, es filmisch zu erzählen. Und wir haben eine Woche gedreht und dann auch sehr lange geschnitten. Das war ein Zwitter.“ [Haug 2016]

 

Produktionen mit eigener Website: Beispiel Hausbesuch Europa

 

Abb4

Screenshot der Website: www.homevisiteurope.org, Juliane Männel, Februar 2021

 

„Eine eigene Projekt-Website gibt es für Remote X (2013), aber auch für Hausbesuch Europa (seit 2015). Ein Hausbesuch ist ein Mikrokosmos, und daneben gibt es die weiteren Hausbesuche in anderen Wohnungen der jeweiligen Stadt und die Vielzahl der Hausbesuche in der Vielzahl von Städten über den ganzen Kontinent verteilt. Da war von vornherein klar, dass dies einen eigenen Rahmen braucht, dass sich das Projekt erst in einer Art Archivform erzählt. Es macht Spaß durch die Website zu navigieren und ins Detail zu gehen. Aber auch von Hausbesuch Europa haben wir gezielt eine Videodokumentation in Auftrag gegeben und dabei mehrere Städte, unterschiedliche Stationen verbunden. Das gesamte Projekt ist also eher über die Website und den Film zu begreifen als über die einzelne Veranstaltung.“ [Haug 2016]

 

 

Abb5

Screenshot der Website: www.homevisiteurope.org, Juliane Männel, Februar 2021

 

„Bei Hausbesuch Europa steht ein kleines Gerät mit hoher Intelligenz in der Mitte und Teilnehmer:innen, die dran sind, drücken einen Knopf. Dann erscheint eine Frage oder eine kleine Aufgabe, die man erfüllen oder eine Geschichte, die man erzählen soll. Für die Repräsentation auf der Website haben wir uns für zehn bis zwölf Fragen entschieden. Die Antworten darauf wurden in allen Städten dokumentiert. Wir haben Fragen ausgewählt, die für den gesamteuropäischen Kontext interessant sind: Wer von euch hat schon mal einen Konflikt körperlich ausgetragen? Oder: Wer von euch hat Angst vor der Zukunft? Da gibt es in Norwegen andere Antworten als in Polen. Oder: Wie viel Geld habt ihr dabei? Die Antwort auf diese Fragen hat einen Einfluss auf die Fortsetzung des Spiels.

Die Daten werden aber auch auf die Website hochgeladen und gespeichert und werden dort übersetzt in bestimmte Darstellungen und Tortendiagramme. Letztlich ist das eine Form von Datenerhebung. Mittlerweile gab es an die 500 Vorstellungen – und das Projekt tourt immer weiter. Zusätzlich gibt es jeweils noch fünf Fotos, die bei jeder Veranstaltung gemacht werden.“ [Männel 2016]

 

Abb6

Screenshots der Website: www.homevisiteurope.org, Juliane Männel, Februar 2021

 

„Das hat eine Systematik oder folgt einer Spielregel, mit deren Hilfe dann vergleichbare singuläre Ereignisse dokumentiert werden. Und das ist ein Beispiel für das Wuchern, für das Wuchern im Netz. Ich gehe tatsächlich regelmäßig auf die Website, zum Beispiel wenn Shows in einer neuen Stadt stattfinden. So kann ich aus der Ferne verfolgen, wie dort in diesen Wohnzimmern auf Europa geschaut wird; inwiefern unterscheidet sich diese Gruppe von Menschen von den anderen, wie sehen die Leute aus und wie verhalten sie sich, was sind Abstimmungsergebnisse und wie sieht schließlich die Aufteilung des Kuchens, der während der Show gebacken wird, aus. Das ist eine Form des ‚dabei seins‘. Anders als bei einer Bühnenproduktion, wo man vor Ort ist und direkt mitkriegt, wie das Publikum reagiert. Die Website ist für uns auch eine Möglichkeit, an dem Stück dranzubleiben, ein kleines Schlüsselloch.“ [Haug 2016]

 

Abb7

Screenshot der Website: www.homevisiteurope.org, Juliane Männel, Februar 2021

 

Spiele-Anordnungen

Hinsichtlich dieser Projekte von Rimini Protokoll, die Spiele-Anordnungen darstellen, ist nicht nur die Frage nach ihrer nachträglichen Dokumentation interessant, sondern auch, wie die Anordnungen überhaupt festgehalten werden und inwiefern Dokumente wie zum Beispiel ein floor plan, also die Aufteilung der Spielfläche, wichtiger werden als Texte, oder mindestens genauso wichtig.

 

„Im Falle von Situation Rooms ist für uns tatsächlich eine Excel-Tabelle der zentrale Text des Stücks. Abgesehen von den Texten, die die Leute sprechen, und die wir gemeinsam mit ihnen entwickelt haben. Das Projekt umfasst 20 Darsteller:innen, die wir in der Inszenierung auf uns drei verteilt haben. Das heißt wir haben erst mal unabhängig voneinander entwickelt und geprobt und dann Interaktionen eingebaut; um zu sehen, wann und wo das geht, benötigten wir eine Übersicht, die wir gleichzeitig jederzeit bearbeiten können. Die Protagonist:innen drehten dann simultan mit einem iPad, das sie selbst in der Hand hielten. Sie treffen sich, interagieren, beobachten sich, hinterlassen Objekte und so weiter. Jede Handlung und Bewegung wurde in dem Excel-Sheet sekundengenau eingetragen, um die einzelnen 20 Spuren miteinander zu verzahnen und zu synchronisieren.
In dem Sheet wurde das dann farblich gekennzeichnet. Diese Excel-Tabelle ist also der Text des Stücks und gleichzeitig das, was als Archiv funktioniert. Sie ist allerdings von außen schwierig zu lesen. Sie zeigt ein Verfahren auf, benötigt aber Interpretation – ist also etwas, das man dann wiederum zum Erzählen nutzen kann.Wir haben außerdem ein Booklet produziert, wo wir die Protagonist:innen vorstellen. In der Publikation arbeiten wir mit Bildern, die sowohl Archivbilder sind, zum Beispiel ein Bild von einem Spieler, das ihn in seiner professionellen Welt zeigt, und mit Bildern, die das szenische Geschehen zeigen. Aber wir haben in der Publikation auch die Excel-Tabelle abgedruckt, mit dem Ziel, das Arbeitsformat vorzustellen, und um etwas über die Komplexität des Stücks zu erzählen.“ [Haug 2016]

 

Die Excel-Tabelle als Dokument macht zunächst Strukturen deutlich, rückt diese in den Vordergrund. Dramaturgie wird hier zur Strukturgestaltung.

 

Abb8

Auszug Programmheft Situation Rooms, Hrsg. Rimini Protokoll, Berlin: 2013

 

 

Abb9

Screenshots Arbeitsmaterialien der Stücke Urban Nature (Haug/Huber/Kaegi/Wetzel, 2021), Top Secret International (Staat 1 / Haug/Kaegi/Wetzel, 2016), Play Europeras 1&2, Musiktheater von John Cage (Daniel Wetzel, 2019)

 

Materielle Artefakte | Modelle

Eine analoge, haptische Form der Fixierung von Anordnungen und Strukturen bilden dagegen (architektonische) Modelle. Sie spielen auch im Entwicklungsprozess der künstlerischen Arbeiten eine entscheidende Rolle.

 

„Selbstverständlich brauchen wir im Arbeitsprozess neben Excel-Tabellen Dinge und Wege, um Arbeitsstände, um Räume und Anordnungen zu visualisieren und um damit konkret zu spielen. Das schöne Bühnenbildmodell von Situation Rooms, das hier oben auf dem Schrank steht, ist allerdings tatsächlich erst im Nachhinein entstanden, für eine Ausstellung in Tokio. Wir sind dort mit einem Medienpreis ausgezeichnet worden und unser etwas zerfleddertes Arbeitsmodell wollten wir dort nicht ausstellen. Deshalb wurde nachträglich ein neues gebaut, um mit dem Modell die Erzählweise des Stücks zu visualisieren.
In Theatern gibt es oft Standardmodelle des Bühnenraums, die man nutzen kann und anschließend zurückgibt. Der Bühnenbildner Dominic Huber, mit dem wir Situation Rooms entwickelt haben, baut mittlerweile auch digitale Modelle, über die wir uns dann online beugen. Und es gibt Vorformen von Modellen. Dominic pflegt immer das schöne Wort Moodboard. Dort legen wir online inspirierende Fotos und Fundstücke ab, mittlerweile nutzen wir auch Online-Whiteboards von Miro, auf die wir alle gleichzeitig von überall Zugriff haben.“ [Haug 2020]

 

Abb10

Bühnenbildmodell Situation Rooms, Rimini Protokoll, 2014.

Screenshot Arbeitssession Online Besprechung Bühnenbildmodell Urban Nature, Juliane Männel, November 2020

Screenshot Arbeitsplattform Miro-Dashboard Urban Nature, Juliane Männel, November 2020 (www.miro.com / Miro – Team Collaboration Software)

 

 

Künstlerische Projekte mit Archiven

„Wir haben zum Beispiel für 50 Aktenkilometer. Ein begehbares Stasi-Hörspiel (2011/12) oder für Apparat Berlin. Szenische Arbeit zu Massenmanagement, Panikforschung und dem Selbstversuch der beiden Teile Berlins im Winter 1963/64 (2001/2002) Archivmaterial aufbereitet oder ausgewertet. Apparat Berlin war ein frühes Projekt, das ich mit Daniel Wetzel gemacht habe – da gab es Rimini Protokoll so noch nicht. In Berlin wurde für ein paar Tage im Winter 1963 ein Abkommen getroffen, dass Westberliner:innen ermöglichte mit einem Passierschein nach Ostberlin zu reisen. Das Antragsverfahren war so kompliziert, dass der RIAS eine Art helpline einrichtete. Die Menschen konnten dort anrufen, um all ihre sehr kleinen aber auch ganz großen Fragen zu stellen. Das wurde ausgestrahlt, aber auch aufgezeichnet und schließlich in Kisten im Archiv des Senders gelagert. Auf diese Bänder sind wir zufällig gestoßen, als wir bei Deutschlandradio für ein anderes Projekt recherchierten. Die Archivarin hatte einen Bandscheibenvorfall und konnte nichts tragen und so mussten beziehungsweise durften wir das Material selbst aus dem Archiv holen. Das war ein großes Glück, denn sonst kommt man ja gar nicht selbst in diese Archive rein. Dort fielen uns dann die Kisten mit der sonderbaren Aufschrift ‚Passierscheinabkommen 1963‘ auf. Und wir haben eine intuitiv mit hochgenommen und konnten erst gar nicht richtig verstehen, was auf diesen Bändern zu hören war. Die Hauptaufgabe der Moderator:innen dieser Hotline war die Anrufer:innen – und somit auch die Hörer:innen – zu beruhigen und zu verhindern, dass sich zu viel Unmut über das ständig wechselnde Verfahren bildet. Aus diesen vielen 100 Stunden von Audio-Material haben wir zuerst ein Hörspiel geschnitten und später eine Inszenierung im Prater entwickelt.“ [Haug 2016]

 

Es gibt also ein spezifisches Interesse an Archivmaterial, an der Materialisierung von Geschichte, und insbesondere auch an der materiellen Fülle, die Archive enthalten.

 

„Ich glaube, in Archiven gibt es immer noch unglaubliche Schätze zu heben. Mich interessiert, wie sich dort Zusammenhänge abbilden, oder wie sie Stimmungen aufzeichnen. Bei Apparat Berlin konnte man die Stimmung der 1960er spüren. Ein anderes Archivprojekt ist Peymannbeschimpfung – ein Training (Schauspiel Stuttgart 2007). Der Chefdramaturg des Schauspiel Stuttgart stellte bei einem Treffen, bei dem wir ein neues Projekt verabreden wollten, vier riesige Aktenordner auf den Tisch. Die Ordner enthielten Zusendungen an Claus Peymann, die er Anfang der 1970er Jahre bekommen hat, nachdem er einen Spendenaufruf für die Zahnbehandlung von RAF-Mitgliedern in Stammheim ans schwarze Brett seines Theaters gehängt hatte. Dieser Aufruf war ‚geleakt‘ worden und als die Zeitung darüber berichtete, kam der ‚shitstorm‘. Zum Teil waren es unglaublich brutale und verachtende Beschimpfungen. Das Theater hat jede einzelne Postkarte kopiert und abgeheftet, in einen schönen Leitz-Ordner, nach Datum sortiert, das war toll. Diese Beschimpfungen haben wir von Peymann nochmal vorlesen lassen und die Aufnahme davon bildete dann die Basis unserer Theaterinszenierung und des Hörspiels, das wir anschließend machten.“ [Haug 2016]

 

 

Ausstellung bei PRAXES Center for Contemporary Art (2015)

2015 war Rimini Protokoll eingeladen, über ein halbes Jahr wechselnde Ausstellungsmodule, Veröffentlichungen und Live-Aktivitäten bei PRAXES Berlin[1] zu präsentieren. Dieses Ausstellungsprojekt stellte die erste umfassende Untersuchung der Praktik von Rimini Protokoll in einer Kunstinstitution dar. Die Ausstellung umfasste auch Kontextmaterialien wie ausgewählte Korrespondenzen und Rezensionen.

 

„Dieses Ausstellungsprojekt hatten wir in vier Episoden eingeteilt, die wir wie Kapitel eines Buches verstanden. Eine Episode stellte unser Stück Welt-Klimakonferenz (2015) ins Zentrum. Im Rahmen des Projekts wurde jede:r Zuschauer:in Teil einer Länderdelegation, die mit kleinen Booklets ausgestattet wurden, um die spezifischen Fragen dieses Landes zusammenzufassen. In der Ausstellung haben wir zum Beispiel diese 195 Booklets zugänglich gemacht.
Eine andere Episode stellte das Projekt Deutschland 2. Live-Kopie einer Bundestagsdebatte aus Berlin mit 237 Bonner Vertretern von Volksvertretern (2002) ins Zentrum. Zu sehen war nicht nur das Dokumentationsmaterial, sondern auch Interviews mit den Teilnehmer:innen des Projekts.
Am interessantesten fand ich den Versuch, mit den 100% Stadt-Videos zu arbeiten, da haben wir eine fast schon archaische Form gewählt. Es gab 16 Cubes, also Monitore, 4x4, die wir übereinandergestellt haben. Darauf waren Videos von 16 Städten zu sehen, Tokio, London, Oslo, Philadelphia…, und jeweils immer die gleiche Szene, insgesamt drei. Zum Beispiel eine Schweigeminute. Da ging es darum Parallelitäten sowie Unterschiede sichtbar zu machen.“ [Haug 2016]

 

Abb11

Albrecht Pischel and PRAXES. Kapitel eines Buches (Haug/Kaegi/Wetzel, Berlin, PRAXES Center for Contemporary Art, 31.01. – 13.06.2015

 

Die Ausstellung war als work-in-progress geplant, was aus pragmatischen Gründen doch nicht umgesetzt wurde. Helgard Haug hält dazu fest: „Eigentlich hätten wir während der Dauer des Ausstellungsprojekts dort vor Ort arbeiten sollen. Letztlich wie eine gläserne Fabrik. Das wäre spannend gewesen.“ [Haug 2016] Es sollte weniger um das Zugänglichmachen von abgeschlossenen Arbeiten gehen, sondern um den Versuch, die Ausstellung für sich selbst produktiv zu nutzen: „Welche Arbeiten korrespondieren miteinander, wo schlugen Funken über, welche Stücke sind miteinander verbunden? Es gibt immer viele Querverbindungen, die in anderen Projekten weiterverfolgt werden und dort ein Eigenleben führen. Das herauszuarbeiten hat uns interessiert, anstatt nur Dokumente auszustellen.“ [Haug 2016]

 

 

Ausblick 1: Ein Bilderbuch von Rimini Protokoll 2000 – 2020

„Zurzeit arbeiten wir an einem Buch. Das soll hauptsächlich ein Bilderbuch werden. Dabei geht es uns nicht um den ‚offiziellen Blick‘, den Blick, der freigegeben wurde. Wunsch war also nicht, die ausgelesenen Produktionsbilder zu veröffentlichen, sondern Bilder von den Rechercheprozessen und aus der Entwicklung zusammenzutragen. Beobachtungen, Situationen, die es bisher nicht auf den Präsentierteller geschafft haben. Dazu gehören auch Skizzen und Beobachtungen. Für dieses Vorhaben haben wir alle unsere Notizbücher und digitalen Archive geplündert. Aber mittlerweile hat jede:r von uns mindestens fünfmal den Computer gewechselt und zehn Festplatten sind kaputtgegangen. Vieles ist gar nicht mehr so einfach auffindbar. Dieses Sich darauf verlassen, dass digital alles bleibt und sicher ist, diese Annahme hat sich als nicht haltbar erwiesen… Und dann findet man aber doch plötzlich irgendwo wieder was – vor allem Sachen, die man gar nicht gesucht hat.
Mit dem Buch wollen wir visuell erzählen, wie wir unsere Stücke entwickeln. Nicht durch einen Bericht über unsere Arbeiten oder über einen abstrakten Blick, sondern durch die Zusammenstellung und Kombination möglichst vieler Bilder, die miteinander ins Gespräch kommen.“ [Haug 2016]

 

„Aufgrund verschiedenster Unwägbarkeiten wie Verlagswechsel und Einschränkungen durch die Pandemie ist eine Veröffentlichung des Buches nun im Laufe des Jahres 2021 vorgesehen.“ [Männel 2021]

 

 

Abb121 Abb123

Abb124 Abb122

Screenshots Entwürfe Bilderbuch Rimini Protokoll 2000 – 2020,
Rimini Protokoll, Juliane Männel, 2021

 

 

Ausblick 2: Unboxing Past – Ein Projekt von Helgard Haug, im Entstehen

In Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum und dem Archäologischen Museum in Frankfurt/Main sowie dem Künstlerhaus Mousonturm und NODE e.V. entsteht im Moment das Projekt Unboxing Past. Hier erfassen in einem ersten Projektschritt drei Videokameras die von einem Archäologen vorgenommene Öffnung von rund 400 Archivkartons. In den Archivkartons befinden sich zentrale Bauteile der in den Novemberprogromen 1938 gewaltsam zerstörten Synagoge am Börneplatz in Frankfurt/Main. 33 Jahre nach der Einlagerung werden sie nun von einem fachkundigen Experten systematisch erfasst.

Erstmals in der Geschichte bedeutender archäologischer Vorgänge wird dieser Prozess künstlerisch begleitet und gestaltet: Helgard Haug fokussiert mit Unboxing Past nicht nur die Öffnung der Archivkartons, sondern lädt darüber hinaus zu einem multiperspektivischen und partizipativen Betrachtungs-, Erinnerungs- und Deutungsprozess im Kontext dieses für das jüdische Leben in Frankfurt und Deutschland so zentralen Ortes ein. In einem von ihr konzipierten Raum erfassen Videokameras die vom Archäologen vorgenommenen Handlungen von der Öffnung der Kartons über die differenzierte Betrachtung bis zur systematischen Protokollierung.

In einem zweiten Schritt werden sich kleine Gruppen möglichst unterschiedlicher Menschen in einem virtuellen Raum begegnen. Nach der Betrachtung des Materials eines Kartons begeben sich die Beteiligten in einen gedanklichen Austausch, der ebenfalls aufgezeichnet und gespeichert wird.

Unboxing Past ist so angelegt, dass die für die Initialgespräche entwickelten Dramaturgien sowie die digitalen Tools und Infrastrukturen als performatives Projektformat auch über den Projektzeitraum hinaus in unterschiedlichsten Kunst-, Bildungs- und Vermittlungszusammenhängen genutzt werden können. Damit bietet das Projekt einen ebenso konkreten wie auch nachhaltigen Erfahrungsraum, um den Umgang mit Vergangenem in einem gemeinsamen, sich immer weiter differenzierenden Austausch zwischen den hier und heute lebenden Menschen zu ermöglichen.

 

Abb131 Abb132 Abb133

Ansichten aus dem Depot des Archäologischen Museums Frankfurt/Main, erste Sichtungen und Modell, Helgard Haug

 

 

 

 

Dank

Ich danke Juliane Männel für die Bildredaktion und die aktuellen Kommentare.

 



[1] PRAXES Center for Contemporary Art in Berlin war von 2013 bis 2015 in der Alexandrinenstraße in Berlin-Kreuzberg ansässig und präsentierte vier halbjährige Zyklen von Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen. Als Teil der Bergen Assembly 2016 erweiterte und erprobte PRAXES anschließend seine modulare Methodik im Rahmen des Biennale-Modells in Bergen (Norwegen). Von Februar bis Dezember 2016 wurden in aufeinander folgenden Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen bestehende Werke, Archivmaterial, neue groß angelegte Aufträge und nicht realisierte Vorschläge vorgestellt. Siehe: https://www.praxes.de/

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