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Willkommen zur elften Ausgabe des e-Journals
MAP - Media | Archive | Performance

 

MAP #11
Bewegliche Zugänge: Werk-Geschichten und temporär genutzte Orte

 

Der prozessuale Charakter des Archivs erlaubt immer neue Lesarten von Dokumenten und Beständen entsprechend den aktuellen Fragestellungen von Forschenden, Künstler:innen und Aktivist:innen. Diese Konstitution archivischer Arbeit führt zu je vorläufigen Erkenntnissen, die mit den Subjektivitäten der Beteiligten korrelieren bzw. auf diese reagieren. Das Archiv selbst wird subjektiviert, sowohl in seinen Entstehungsprozessen wie in seinen Erkenntnisangeboten.

Ähnlich unabgeschlossen sind die räumlichen Gegebenheiten aktueller Aufführungspraxis. Institutionalisierte Spielstätten erschließen neue Orte für Aufführungen, teils technisch bedingt, etwa während Umbauphasen der großen Häuser, teils künstlerisch-kuratorisch intendiert für einzelne Spielzeiten oder Projekte. Nomadisierende Bewegungen durch die Stadt erlauben die Erkundung neuer Nachbarschaften und den Bezug zu vergangenen Nutzungsformen. Sie bringen die Kunst aus den städtischen Zentren an die Peripherie.

Beweglichkeit und Unabgeschlossenheit leiten in beiden Bereichen das künstlerische, kuratorische und erkenntnisstiftende Handeln. Biographien werden beschreibbar, ohne abgeschlossen zu sein. Solchen Formen des Fluiden in Forschung und Kunst, in Kuration und Performance, in Archiv und Museum geht die elfte Ausgabe von MAP nach. In zwei thematischen Kapiteln stellen wir Ansätze vor, die archivbasierte historiographische Praxen hinterfragen und die evidenzorientierte Forschung relativieren, ohne die Empirie zu vernachlässigen.

 

Der erste Teil „Werk-Geschichten und künstlerische Archiv-Forschung“ stellt Projekte vor, die einerseits historische Forschungen zum „klassischen“ Format der Biographik zum Inhalt haben oder zum Ausgangspunkt nehmen, und die andererseits kuratorische Modelle entwickeln, das Nebeneinander von aktueller Fragestellung und archivischer Spurensuche zu fassen. So eröffnet die Ausgabe mit einem Forschungsbericht von Franz Anton Cramer über die französische Tänzerin, Choreographin und Forscherin Nyota Inyoka (1896 – 1971), deren umfangreicher Nachlass in der französischen Nationalbibliothek derzeit im Rahmen eines dreijährigen Forschungsvorhabens untersucht wird. Insbesondere die Komplexität des Oeuvres der Künstlerin, aber auch die Konstitution des Bestandes selbst sowie die identitätspolitische Prägung durch die Bestandsbildnerin erlaubt aufschlussreiche Fragen an die historiographische Methodik und das Verhältnis zwischen Urheberin, archivischer Intervention und Subjektivierung der Quellen. In ähnlicher Weise hat die britische Performancekünstlerin Jade Montserrat sich mit einer ikonischen Figur des 20. Jahrhunderts (und Zeitgenossin von Nyota Inyoka) beschäftigt, mit Josephine Baker (1906 – 1974). Ulrike Hanstein analysiert Montserrats mehrjähriges Performance-Projekt Shadowing Josephine als Re-Vision eines biographischen Mythos, der indessen die Agentialität der historischen Figur Baker auch im Hinblick auf die ‚Manipulation‘ ihrer öffentlichen Biographie herausarbeitet.

Der Beitrag von Hanna Hölling befragt ebenfalls die Biographie einer Ikone, allerdings eines Werkes der Nachkriegsmoderne: Nam June Paiks Zen for Film. In mehreren Ausstellungen wurde dieses Werk – oder auch gerade die Abwesenheit eines „Werkes“ – einerseits fetischisiert; andererseits, so das Ergebnis von Höllings Analyse, konnte sich Zen for Film aber auch gegen historisierende Vereinnahmungen erfolgreich zur Wehr setzen. In einem eigenen Forschungs- und Ausstellungsprojekt zu diesem Thema, Revisions: Zen for Film (2015/16), hat Hölling diese Geschichte des Werkes wie seiner Vereinnahmung, Deutung und Merkantilisierung anhand von Archivmaterialien, Ausstellungshistorie und kuratorischen Praxen nachgezeichnet.

Vera Lauf, Kuratorin der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, berichtet von einem Archiv-Experiment, das im Verlauf eines Jahres das Werk der Dresdener Künstlerin Gabriele Stoetzer in Ausstellungsräumen der GfzK in wechselnden Konstellationen vorgestellt und damit einen Forschungsansatz zum Sammeln und Archivieren erprobt hat.

Als prägnantes Beispiel eines neuen Umgangs mit staatlichen Archiven stellen wir in dem Beitrag Artists & Agents von Inke Arns, Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse die Ergebnisse eines Forschungsprojektes vor, das in Geheimdienstarchiven verschiedener ost- und westeuropäischer Länder den Einfluss von geheimdienstlichen Aktivitäten auf die jeweiligen Kunstszenen im Kalten Krieg untersucht hat. Bislang völlig unbeachtet, erweisen sich solche Quellen als besonders ertragreich und zeigen, wie komplex künstlerische Arbeit im Gesamt der Gesellschaft eingebettet, beobachtet und interpretiert wird. Die Archive erlauben hier völlig neue Perspektiven, wenn man nur die richtigen Fragen an sie richtet. Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, wie Künstler:innen in der Aneignung dieser Archivalien ihren Zugang zur Geschichte selbst bestimmen.

Den ersten Teil schließt ein Beitrag von Ulrike Krautheim ab, der ebenfalls eine staatliche oder jedenfalls öffentliche Intervention in den Kunstbetrieb zum Thema hat. Im Herbst 2019 befasste sich die Ausstellung After ‚Freedom of Expression‘ im japanischen Aichi mit Fragen der Zensur in der bildenden Kunst. Aggressive Proteste führten zur Schließung der Ausstellung, was wiederum die von Künstler:innen initiierte Kampagne Re:Freedom Aichi hervorbrachte. Als Teil dieser Kampagne setzte Akira Takayamas J Art Call Center auf eine direkte Form des Dialogs. Der Beitrag stellt die Debatte und die künstlerischen Interventionen vor und dokumentiert Takayamas Motive zu seinem Beitrag.

Bei allen behandelten Themen steht das Vorläufige der Ergebnisse, der Inszenierung, der Wahrnehmung und der Deutungsmacht im Vordergrund. Die evidenzbasierte Analyse, wie sie unter Zuhilfenahme des Archivs als Ort der dauerhaften Beglaubigung sonst erfolgt, wird in den beschriebenen Kontexten befragt und durch neue Konstellationen gerahmt. Dadurch werden die Ergebnisse und Hervorbringungen, die Erkenntnisse auch, ihrer eigenen auktorialen Gewissheit enthoben und werden selbst wieder Material für – potentielle, notwendige, zukünftige – Untersuchungen. So erlaubt das Unabgeschlossene und Vorläufige von Archivprozessen die konstruktive Relativierung von Erkenntnisprozessen und die Eröffnung beweglicher Zugänge.

Den Übergang zwischen beiden Teilen bildet ein Bericht von Lucie Ortmann über die Archivierungspraktiken der Gruppe Rimini Protokoll. Damit setzen wir die Reihe der Archiv-Analysen fort, die wir in MAP #8 begonnen haben [http://www.perfomap.de/map8/archiv.-analysen-teil-1] [http://www.perfomap.de/map9/archiv-fragen/archiv-analysen-teil-2].

 

Mit dem zweiten Teil „Temporäre Orte und raumorientierte Kunstprojekte“ setzen wir die in der vorangegangenen Ausgabe vorgestellten Untersuchungen von beweglichen Praktiken der Raum- und Ortsbespielung fort. Dabei stehen künstlerisch-kuratorische Projekte im Fokus, die in zentraler Weise auf das Temporäre und den besonderen Ortsbezug konzipiert wurden.

So hat der bildende Künstler Thomas Hirschhorn 2004 in einem Vorort von Paris mit Bewohner:innen des Stadtviertels Albinet ein temporäres Museum veranstaltet. Die Exponate kamen aus Beständen des Centre Pompidou. Die Werke verließen ihren institutionalisierten Ort und wurden in ungewohnter Umgebung gesichtet, präsentiert und angeeignet. Wir dokumentieren dieses frühe Beispiel interventionistischer Arbeit anhand von Materialien der veranstaltenden Laboratoires d’Aubervilliers und von Thomas Hirschhorn.

Mit Echohaus haben Felix Kubin und Burkhard Friedrich 2009 ein offen angelegtes Experiment initiiert, das ein klassisch-modernes Ensemble mit einen elektronischen DIY-Musiker und einem Produzenten für Underground-Popmusik zusammen brachte. In einem Gespräch nehmen die beiden Komponisten und Musiker dieses Projekt zum Ausgangspunkt, um über seine besondere räumliche Konfiguration sowie die grundlegende Bedeutung von Raum als Klangkörper, vom Komponieren durch Bewegung im Raum und von technisch generierten parallelen Räumen nachzudenken.

Mit Disappearing Berlin stellt Verena Elisabet Eitel im Gespräch mit der Kuratorin eine Veranstaltungsreihe vor, die die kontinuierliche Bewegung durch die Stadt Berlin zur konzeptionellen Grundlage erhoben hat. In 13 Veranstaltungen schufen internationale Künstler:innen und Gruppen Projekte an Orten, die den Wandel, den Umbruch und vor allem das Verschwinden im Stadtgefüge Berlins kennzeichnen – architektonisch, gesellschaftlich, kulturell. (Bewegte) Bilder und Töne lassen diese besondere Form der urbanen Aneignung sicht- und hörbar werden.

Durch Rekonstruktion, Umbau und Renovierung / Erweiterung sind oder waren eine Reihe von städtischen und staatlichen deutschen Theatern in den letzten Jahren gezwungen, sich im Interim mit anderen Standorten, neuen Umgebungen und variablen Raumaufteilungen in großen Hallen auseinanderzusetzen. Dass der Umgang mit dieser vermeintlichen ‚Notlösung‘ auf sehr unterschiedliche Weise produktiv gemacht werden kann, diskutiert der Beitrag von Barbara Büscher anhand verschiedener Projekte. Dabei wird auch auf die umfassendere Fragestellung verwiesen, wie die gegenwärtigen Kunstinstitutionen bzw. Theater ihren Aktions- und Bewegungsradius erweitern könnten.

Die Projekte, die in diesem zweiten Teil vorgestellt und diskutiert werden, lassen sich als Versuche verstehen, den Zugang zu den (Aufführungs)Künsten beweglich zu halten und die überkommenen Formen der Ein-Hegung zu überwinden.

 

Durch die erschwerten Bedingungen im Jahr 2020 hat sich die Arbeit an dieser Ausgabe ungewöhnlich lange hingezogen und konnte nicht im geplanten Umfang realisiert werden. Wir danken den Beiträger:innen deshalb um so mehr nicht nur für die Großzügigkeit, mit der sie diese Ausgabe unterstützt haben, sondern auch für ihre Langmut und Geduld während der langwierigen redaktionellen Prozesse.

 

Anregungen, Kommentare und Diskussionsbeiträge sind uns jederzeit willkommen.

Barbara Büscher, Franz Anton Cramer

 

Redaktion dieser Ausgabe:

Barbara Büscher, Franz Anton Cramer, René Damm, Verena Elisabet Eitel, Elisabeth Heymer, Lucie Ortmann

 

Februar 2021
ISSN 2191-0901

 

 

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Wir danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Unterstützung zur Veröffentlichung dieser Ausgabe.

 

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