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Sie sind hier: Startseite MAP I "Beweglicher Zugang" (2010) II. ARCHIV_PRAXIS re.act.feminism – performancekunst der 1960er und 70er jahre heute

re.act.feminism

performancekunst der 1960er und 70er jahre heute


 

Ein Projekt von cross links e.V.

Kuratorinnen: Bettina Knaup / Beatrice E. Stammer

realisiert in Partnerschaft mit der Akademie der Künste, Berlin


Das internationale Ausstellungs- und Performance Projekt re.act.feminism - performancekunst der 1960er und 70er jahre heute widmete sich der frühen vom Feminismus beeinflussten Performancekunst und ihrer aktuellen 'Wiederkehr' in Form von Re-enactments, Wiederaneignungen, Neuformulierungen, dokumentarischen und archivarischen Projekten.

In einer Ausstellung, einem umfangreichen Videoarchiv, Performances, Vorträgen und Diskussionen wurden mehr als 70 Künstlerinnen zweier Generationen vorgestellt, eine exemplarische Bestandsaufnahme der genderkritischen Performancekunst vorgenommen und nach ihrem Widerhall in aktuellen künstlerischen Produktionen gefragt.
Ziel war vor allem, den Blick über den Kanon des Bekannten und Eingeschriebenen hinaus zu erweitern, um die Vielfalt und Komplexität performativer Strategien sichtbar zu machen. Performance-Bewegungen in den Ländern Ost- und Südosteuropas und der ehemaligen DDR (seit Anfang der 1980er Jahre) wurden dabei exemplarisch beleuchtet. Ein strukturierendes Element der Ausstellung waren mehrere, zumeist von Künstlerinnen gestaltete Archiv-Installationen, die der Frage nachgingen, wie angesichts fragmentarischer Spuren Performancegeschichte re-konstruiert werden kann. Ein wesentliches Element bildete dabei das Videoarchiv, welches in einer einmalig zusammengestellten Sammlung von mehr als achtzig Performance-Dokumenten, Videoperformances und Künstlerinnen-Interviews einen Einblick in die Performancekunst zweier Generationen bot.

Die sich seit den 1960er und 70er Jahren entwickelnde Performancekunst wurde wesentlich von Künstlerinnen geprägt, die dem Feminismus nahe standen. Performance suchte die Verschränkung von Kunst und Leben, von privat und öffentlich. Durch die Fokussierung auf den empfindungsfähigen, kreativen und wissenden Körper war Performance das ideale Medium, um soziale und physische Grenzerfahrungen öffentlich zu machen, um Zuschreibungen von Identität aufzudecken, zu unterlaufen und sich als handelndes Subjekt neu zu erfinden. Performance war zudem als neue Kunstform, jenseits der traditionellen Kunstorte, ein Medium für kollektive und gesellschaftliche Intervention.
Die künstlerischen Avantgarden der 1960er und 1970er Jahre ziehen heute wieder ein verstärktes Interesse auf sich sowohl von Seiten einer jüngeren Künstlerinnengeneration als auch der Institutionen und der damaligen Protagonistinnen. Dabei stehen zum einen die Frage nach einer Historisierung dieser vergänglichen Kunstform sowie das Bedürfnis nach einer aktiven Aneignung der Geschichte aus der Sicht einer jüngeren Generation im Vordergrund. Zum anderen manifestiert sich darin auch die Suche nach radikalen Ausdrucksformen, die eine politische Kritik formulieren und eng mit gesellschaftlicher Veränderung verbunden sind.

Dieser 'Wiederkehr' der Performancekunst, und insbesondere auch dem Versuch diese 'auszustellen', wohnt ein Widerspruch inne: Performance ist eine prozessorientierte und vergängliche Kunstform, in der der Körper und die Handlungen der Künstler/innen und zum Teil auch des beteiligten Publikums zum Medium der Kunst werden. In einer Zeit des internationalen Aufbruchs in den 1960er Jahren entstanden, richtete sie sich gegen eine formalistische, auf das Kunstobjekt und auf Vermarktung ausgerichtete Kunst und verließ die traditionellen Kunstorte, das Museum, die Institutionen. Lange wurde Performance daher als sozusagen ontologisch in der Gegenwart verankert verstanden, eine Position, die am pointiertesten von Peggy Phelan vertreten wurde:

Performance’s only life is in the present. Performance cannot be saved, recorded, documented or otherwise participate in the circulation of representations of representations: once it does so, it becomes something other than performance. … Performance’s being ... becomes itself through disappearance. [Peggy Phelan, Unmarked, 1993]

Viele AutorInnen haben seither diese Position relativiert und betont, dass Performance eben nicht nur im Moment des Live Akt existiere, sondern sich häufig einem breiteren Publikum erst durch ihre Spuren, Dokumente und Aufzeichnungen vermittele (im Falle von Foto- oder Videoperformances sogar ausschließlich). Diese Aufzeichnungen – betonten zum Beispiel Rebecca Schneider und Paul Clarke auf der re.act.feminism Tagung – entfalten dabei durchaus ein Eigenleben, ihnen ist eine gewisse 'Liveness’ inhärent: Sie werden zumeist bewusst für ein zukünftiges Publikum hergestellt, für eine antizipierte zukünftige 'Begegnung'. Sie regen die Phantasie an, können als Handlungsaufforderung gelesen werden und laden zur Nachahmung oder Re-Performance ein.
In diesen Prozessen der zwangsläufig lückenhaften Vermittlung geht viel verloren. Performances werden häufig auf ein oder zwei ikonografische Bilder reduziert, der Kontext ist vergessen, andere Arbeiten verschwinden völlig aus dem Bewusstsein, um wiederum andere ranken sich abenteuerliche Mythen, da jedes materielle Zeugnis verschwunden ist.
re.act.feminism hat diese Widersprüche aufgegriffen und das Weiterleben der Performance, die Beziehung zwischen dem Live Akt, und den Spuren und Dokumenten, die dieser hinterlässt, den lückenhaften Archiven, sowie der heutigen Rezeption zum Thema gemacht. Es wurde gefragt, wie (Performance-) Geschichte re-konstruiert und möglicherweise Zukunft 'erfunden' werden kann.


Ausstellung, Videoarchiv und Performanceprogramm mit:
Marina Abramović (SRB/USA), Helena Almeida (PT), Oreet Ashery (IL/UK), Antonia Baehr (D), Maja Bajevic (BIH/D), Renate Bertlmann (A), Nancy Buchanan (USA), Colette (USA), Laura Cottingham (USA), Lilibeth Cuenca (DK), Disband (USA), Orshi Drozdik (H), Yingmei Duan (CN/D), VALIE EXPORT (A), Factory of Found Clothes (RUS), Esther Ferrer (E), Simone Forti (I/USA), (e.)Twin Gabriel (DDR/D), Kate Gilmore (USA), Theresa Hak Kyung Cha (ROK/USA), Nan Hoover (USA/NL), Sanja Ivekovic (HR), Elżbieta Jabłońska (PL), Françoise Janicot (F), Joan Jonas (USA), Tina Keane (UK), Verica Kovacevska (MK/UK), Elena Kovylina (RUS), Katarzyna Kozyra (PL/D), Christina Kubisch (D), Verena Kyselka (DDR/D), Nicola L. (F), Natalia LL (PL), Suzanne Lacy & Leslie Labowitz (USA), Babette Mangolte (USA), Manon (CH), Ana Mendieta (C/USA), Marta Minujin (ARG), Fina Miralles (E), Linda Montano (USA), Charlotte Moorman (USA), Margherita Morgantin (I), Lorraine O’Grady (USA), Yoko Ono (J/USA), Orlan (F), Tanja Ostojic (SRB/D), Ewa Partum (PL/D), Jillian Pena (USA), Performance Saga (Andrea Saemann (CH) & Katrin Grögel (D)), Howardena Pindell (USA), Adrian Piper (USA), Sonja Pregrad (HR), Ulrike Rosenbach (D), Martha Rosler (USA), Boryana Rossa (BG) & Oleg Mavromatti (RUS), Andrea Saemann (CH), Christine Schlegel (DDR/D), Cornelia Schleime (DDR/D), Carolee Schneemann (USA), Stefanie Seibold (A/D), Ene-Liis Semper (EST), Bonnie Ora Sherk (USA), Cornelia Sollfrank (D), Spiderwoman Theater (USA), Gabriele Stötzer (DDR/D), Mierle Laderman Ukeles (USA), The Waitresses (USA), Faith Wilding (PY/USA), Hannah Wilke (USA), Martha Wilson (USA), Alketa Xhafa Mripa (Kosovo), Nil Yalter (ET/F).

Eine Dokumentation der Tagung ist in Vorbereitung, mit Beiträgen u.a. von:
Tania Bruguera (CU), Paul Clarke (UK), Silvia Eiblmayr (A), Andre Lepecki (USA), Bojana Pejic (SRB/D), Rebecca Schneider (USA).

Partner & Sponsoren der Berliner Station:
Hauptstadtkulturfonds, Schering Stiftung und Bundeszentrale für politische Bildung.
Cine Plus, Institut Français, Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung, Botschaft der Republik Kroatien und Collegium Hungaricum.

Tour der Ausstellung
13.12.08 – 08.02.09  Akademie der Künste Berlin

10.03.09 - 29.03.09 International Festival of Contemporary Arts, City of Women, Ljubljana

19.04.09 - 10.05.09  Kunsthaus Erfurt

Kontakt info@reactfeminism.org

Website http://www.adk.de/reactfeminism/

http://www.reactfeminism.org

 

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Copyright Fotos: Andreas Süß

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