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Elektronisches Schreiben als performatives Schreiben

Wolf-Dieter Ernst (München)

 

 

 

 

I Tabula Rasa

Auf welcher Fläche schreibt man, wenn man elektronisch schreibt? Für handschriftliches und mechanisches Schreiben wurden Flächen eigens hergestellt, etwa aus Stein geschliffen oder aus Fasern geschöpft. Tabula rasa – eine Fläche rasieren, schaben, glätten – so nennt man dieses Verfahren. Ist der Monitor, auf dem mein Text erscheint, eine solche Fläche? Ja und nein. Denn der Text wird nicht eingeritzt, er bleibt nicht. Das besorgt erst ein Befehl: 'Speichern unter XY'. Zugleich aber: Kann man sich ein unendlicheres tabula rasa vorstellen als die virtuellen Schreibflächen? Jeder Vorgang der Textverarbeitung beginnt mit einer unerschöpflichen Bereitstellung eines 'blank document', einer leeren Seite. Alle Monitore der Welt, alle blanken Dokumente der Welt aneinander gereiht – welche Ausmaße hätte diese Fläche doch!

Gilles Deleuze und Felix Guattari prägten den Begriff der 'glatten' im Kontrast zur 'gekerbten Fläche'. Auf der glatten Fläche bilden sich allererst Einkerbungen, Schriften und Schraffuren. Das Meer bei Windstille wäre in seiner öligen Trägheit so eine glatte Fläche, die eintönig erscheinende Wüste ebenfalls. Nicht wenige Cybertheoretiker haben mit dieser Metapher vom glatten Raum die künstlichen Schreibflächen der virtuellen Realität bezeichnet. Dabei übernahmen sie gerne auch den Gestus eines radikalen Anfangs, der sich im Bild der tabula rasa, der alles glättenden, auslöschenden Bewegung des ‚reinen Tisch machens’ überträgt.

Mit Zunahme der Beschriftung elektronischer Schreibflächen wird aber mehr und mehr deutlich, dass wir es mit allem anderen, als einem radikalen Neuanfang zu tun haben. Neu sind tatsächlich die Befehlsstrukturen, die Hyperlinks und interaktiven Icons, die elektronische Texte zu Programmoberflächen mutieren lassen. Neu ist das Lesen von Texten in Kaskaden verschiedener Fenster, welches das Umblättern der Buchseiten ersetzt. Die Inhalte freilich sind – wie bei allen neuen Medien – die der älteren Medien: Buch, Zeitung, Brief, Grenz- und Grabstein. Gleiches gilt für die grafische Gestaltung von Texten und Text-Bild-Montagen, die sich vielfach aus dem Fundus der Kunstbücher und dem Bildschatz der Surrealisten bedienen. In weiten Zügen ist elektronisches Schreiben im "Docuverse" [Winkler 1997a] von Regeln und Formen bestimmt, die im differenzierten Schreib- und Publikationsszenario für analoges Schreiben bereits erprobt sind. Elektronisches Schreiben also ist ein elektronisches Modell eines bereits bestehenden analogen Schreibszenarios. Wie jedes Modell verdichtet es, bringt etwas auf einen bestimmten Maßstab.

 

 

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