Benutzerspezifische Werkzeuge

Stills, Bewegungsbilder und Installation

Methoden der An-Ordnung bei der Arbeit am und im Archiv

 

 

 

Bewegte Bilder in Film und Video – ich gehe hier von ihrer oberflächlichen Ähnlichkeit aus – werden in verschiedenen Funktionen eingesetzt, um visuelle Artefakte für ein Performancekunst-Archiv herzustellen. Eine der möglichen Methoden ist die filmische Repräsentation von Interviews, der Aussagen von Zeitzeugen oder der retrospektiven Reflektion der Künstler und Künstlerinnen selbst [9]. Sie erlauben es, den Gestus der Erzählung zu vergegenwärtigen ebenso wie sie es ermöglichen, eine Gesprächssituation als Form der aktuellen Aneignung von Performance-Geschichte sichtbar zu machen (wie es im eingangs schon erwähnten Projekt von Heike Roms der Fall ist). Gleichzeitig aber greifen sie auch auf die Autorität der Anwesenheit als Bedingung für die Lesbarkeit historischer Ereignisse zurück [10].

Film und Video werden weitaus häufiger eingesetzt, um eine Performance 'aufzuzeichnen'. Ich möchte noch einmal auf Babette Mangoltes - hier wieder veröffentlichte - Überlegungen zurückkommen und auf die von ihr benannten Differenzen in der Arbeit mit Fotografie und Film verweisen. Fotografie, sagt sie, "setzt sich damit auseinander, einen Raum zu komponieren" [Mangolte 2005: 44] und sie stellt die Ikonografie einer Performance-Arbeit in den Vordergrund. Sie kann kein Verhältnis von Zeit und Dauer vermitteln, sie muss die Prozesshaftigkeit unterschlagen, die nicht zuletzt ein Verhältnis zwischen Akteuren und Zuschauern umfasst. Allerdings muss auch der Film, um einen adäquaten Eindruck der Bewegung vor der Kamera geben zu können, mit einer entsprechenden Bewegung der Kamera antworten. Dieses Zusammenspiel hat Mangolte eindrücklich an der Arbeitsweise zu ihrem – wie sie selbst sagt – ersten Tanzfilm erläutert, der filmischen Version von Trisha Browns knapp vierminütigen Solo Water Motor.

As a filmmaker I knew that dance doesn’t work with cutting and that an unbroken camera movement was the way to film the four-minute-solo (…). [Mangolte 2007: http://www.babettemangolte.com/maps2.html.
 

Bewegung ist die essentielle Verbindung zwischen Performance und Film. Aus diesem Grund ist für Mangolte eine Aufzeichnung mit statischer Kamera keine adäquate Darstellung.

 

Für die Lesbarkeit audiovisueller Artefakte eines Performance-Archivs ist die gegenseitige Ergänzung und Erweiterung verschiedener medialer Formate entscheidend. Damit gerät auch die Frage der An-Ordnung in einer – wie auch immer gearteten – Präsentation als aktuelle Aneignung, sei es gedruckt als Buch oder in einer Ausstellung, in den Blick. Diese Anordnung muss sich der Aufgabe stellen, Kontexte und Bewegung repräsentieren zu können. Das trifft schon auf das frühe Beispiel der Chronophotographie zu, wenn man die Anordnung und Präsentation der Einzelbilder in Tafeln in Muybridge’s Animal Locomotion bedenkt [Muybridge 1979]. In diesem Sinne kann man auch Film als eine Form der Anordnung verstehen, der Dauer und Dynamik einer Performance in einer im Prinzip linearen Ausrichtung darstellt, auch wenn man Montage, Kadrierung und wechselnde Kameraperspektiven in Rechnung stellt [11].

Wiederum an einem Beispiel aus der Arbeit und den Kommentaren von Babette Mangolte lässt sich das Verhältnis zwischen verschiedenen Formen der Anordnung erläutern. Es geht dabei erneut um eine Tanz-Performance von Trisha Brown, um Roof Piece (1972/1973). Mangolte hat die Konzeption der Performance so zusammengefasst: „The dance tested the erosion of movement by transmission as in telegraphy. It also was about revealing the majesty and privacy of downtown roofs and the sculptural effect of its water towers.” [Mangolte 2007: http://www.babettemangolte.com/maps.html]

Das Foto, das man neben dem zitierten Text findet, ist eines dieser emblematischen Einzelfotos, das sich in die Tanz- und Performance-Geschichte eingeschrieben hat. Der städtische Raum, seine architektonischen Besonderheiten, die Weite des (Kamera)Blicks beherrschen das Bild und die Kleinheit der Figuren. Sie machen zugleich etwas von der Dimension der Konzeption dieser Tanzperformance sichtbar. Dieses Foto konstruiert eine Kohärenz des Performance-Raums und eine sehr prägnante Bildlichkeit. Aber der wesentliche Aspekt der experimentellen Bewegungsanordnung in der Performance, die Weitergabe einer Bewegung über große Entfernung und was daraus entsteht, kann nicht sichtbar werden. Mangolte hat daher drei 16mm Farb-Filme vom Anfang und vom Ende der Übermittlungslinie sowie von einer mittleren Perspektive, die in großer Distanz die Dächer erfasste, in statischer Kameraposition gedreht. Mit diesen Filmen – in eine bestimmte Anordnung gebracht und präsentiert – konnte sichtbar gemacht werden, was von keinem der aktuell anwesenden Zuschauer verfolgt werden konnte: "There was no place from where you could see it all. Actually the dance piece could be seen only in retrospect through recording and replay." [http://www.babettemangolte.com/maps.html]

Wie setzt man nun die drei Fragmente der Performance-Ansicht wiederum ins Verhältnis zueinander, wie ordnet man sie an, um sie in verschiedener Weise lesbar zu machen?

Es existiert eine Filmversion auf DVD [Brown 2004], die Ausschnitte der drei Filme parallel montiert und die in der Länge etwa der Performance entspricht (ca. 30 Minuten) – also nur ein Drittel des gesamten Materials verwendet. Auch wenn man auf diese Weise eine Idee von der Konzeption der Performance bekommt, wird nun wiederum der Ablauf der Bewegungen fragmentiert. Auf einem linearen Filmstreifen kann kein Bild einer Übertragungsbewegung entstehen.

 

In der Abteilung Image as Icon der schon erwähnten Austellung Art, Lies and Videotape hat Mangolte die drei Filme sowie das vielfach zitierte Foto zu Roof Piece als Installation angeordnet. Die drei farbigen Filme werden parallel auf drei Bildschirmen projiziert, auf der gegenüberliegenden Wand des Ausstellungsraums befinden sich ein Abzug des Fotos sowie der Kontaktabzug, der am gleichen Tag gemachten Fotos in Serie.

The installation contrasting the photo and film of the same event made possible for the viewer to reflect on the immediacy of the single photograph and the complexity of the thirty minutes performance. [Mangolte 2007: http://www.babettemangolte.com/install2004.html]
 

In der ebenfalls erwähnten Ausstellung Live Art On Camera hat Mangolte weitere Aspekte der Inszenierung von Fotografien im installativen Raum ausprobiert. Der Titel der Installation Looking and Touching verweist auf zwei Möglichkeiten, Fotografien zu betrachten.

The installation proposes various ways to view, feel and touch photographs. The framed prints on the wall are seen from a distance, which imposes a certain theatricality to how we look photographs. You are encouraged to manipulate the photographs on the table and compare them to the contact sheets or framed prints on the wall. This allows you to examine the photo details in close up and to create you own composition and collage. The sound that is coming from the two monitors brings the context of the time when the photographs were taken. The images from the films evoke the spaces where the people in the photographs and photographer lived.” [Mangolte 2007: http://www.babettemangolte.com/install2007-2.html; O’Dell 2005: 35 - 36]
 

Auch die Video- und Performancekünstlerin Joan Jonas, deren Arbeit das Zentrum der 2004 von Barbara Clausen kuratierten Ausstellung After the Act bildete, hat auf die besonderen Möglichkeiten der installativen Präsentation von Artefakten aus dem Performance–Archiv hingewiesen:

Die erste große Installation einer Performance machte ich 1994 für meine Retrospektive im Stedelijk Museum in Amsterdam. Ich versuchte, meine Performances im Ausstellungsraum als dreidimensionale Installationen zu rekonstruieren. Die BetrachterInnen waren an keinen fixen Standpunkt gebunden. Das heißt, wenn es bei der ursprünglichen Performance eine Bühne gegeben hat, würde ich diese rekonstruieren und sie als Teil der Installation präsentieren. Bei der Installation der Arbeiten ging es um eine Multiplizität simultaner Abläufe und visueller Elemente, also auch um Fotografien. [Jonas 2005: 59 – 60].
 

Installationen von Film- und Fotoarbeiten im Raum sind inzwischen ein eigenständiges Format künstlerischer Arbeit in Museen und Ausstellungen. Darauf greifen die genannten Anordnungen von Archiv-Materialien zurück. Sie erlauben dem Betrachter nicht nur, einen wechselnden Standpunkt einzunehmen und im Raum ein Verhältnis zwischen verschiedenen medialen Formaten herzustellen. Sie können auch in der räumlichen Nähe oder Entfernung, in der Differenz der Formate, die hier angesprochenen Fragestellungen sichtbar machen.

 

 


[9] Als ein Beispiel für diese Form der Aneignung von Performance-Geschichte sei hier die DVD-Reihe Performance Saga – Begegnungen mit Wegbereiterinnen der Performancekunst genannt, die in bisher 8 Teilen erschienen ist und von Andrea Saemann und Katrin Grögel herausgegeben wird.
 
[10] In dem weiteren Zusammenhang von Filmen als historische Dokumente für die Geschichtswissenschaft hat Eva Hohenberger darauf aufmerksam gemacht, dass die Figur des 'Zeitzeugen' auch eine mediale Konstruktion ist. Sein Sprechen wird zur Zeugenschaft dadurch, dass es vor der Kamera und in der Öffentlichkeit stattfindet und "zugleich wird er in seinem Sprechen überwacht, indem sein Körper medial lesbar gemacht wird" [Hohenberger 2003: 108]. Dieser Aspekt scheint mir auch in unserem Zusammenhang bedenkenswert.
 
[11] Ohne dass ich den Gedanken hier ausführlich referieren kann, möchte ich auf die weiterführenden Überlegungen von Joachim Paech zum Verhältnis des Deleuze’schen Begriffs des Bewegungsbildes und dessen später an der Malerei entwickelten Begriff des Diagramms verweisen. Am Schluss seines Aufsatzes heißt es:
"Weil das Diagramm nicht das Bewegungsbild ist, kann es Bild und Bewegung als diejenige bipolare Relation behaupten, die allen medialen Formen als Differenz inhärent ist. Die zunehmende Vielheit der Bilder lässt immer mehr danach fragen, was zwischen ihnen passiert, als sie noch irgendwie im Sinne einer (wenn auch gebrochenen) Einheit 'Bewegungsbild' zu postulieren." [Paech 2002: 161]

 

 
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