Benutzerspezifische Werkzeuge

III

 

 

Die Zerrissenheit, die sich motivisch und strukturell in den Fotografien niederschlägt, setzt sich sowohl in der Position fort, die Bourdieu als Fotograf seinen Objekten gegenüber einnimmt als auch in der Art und Weise, wie er von den entstandenen Aufnahmen Gebrauch macht. Einerseits ist für seine Bilder der respektvolle Abstand kennzeichnend, mit dem er seinem fotografierten Gegenüber begegnet. Zu sehen sind weder entlarvende Schnappschüsse, konfrontative Nahaufnahmen oder arrangierte Gruppenportraits. Stattdessen halten die Bilder die Personen häufig aus einem schrägen Aufnahmewinkel, in der Rückenansicht oder im verlorenen Profil fest, bannen sie weniger ins unbewegte Standbild, als dass sie die Menschen an sich vorüberziehen lassen. Auf einer Straße in Collo streifen die Wasser tragenden Frauen einzeln und in Gruppen an der Kamera vorbei [Abb. Schultheis 2003: 122-123]; auf einer Straßenkreuzung in Blida verfängt sich im Bildausschnitt mit kaum merklicher Standortverschiebung ein breites Spektrum vorbeilaufender PassantInnen [Abb. Ebenda: 220-228]; Wege, Straßen und Häuserzeilen lassen – wie die Reihenanordnung der Personen und Gegenstände auch - in ihren Fluchten den Ausweg in die seitliche Bildtiefe. [Abb. Ebenda: 153, zusätzlich: 157, 164, 166-167, 175] Selbst dort, wo sich die Fotografierten, wie etwa in den Aufnahmen aus Aïn Aghbel [Abb. Ebenda: 109-111], dem Fotografen zuwenden und direkt in die Kamera blicken, bleibt diese selbst auf Abstand und belässt den Personen ihren eigenen Bild- und Bewegungsraum. [Straßenhändler, Müllhändler, the algerian war and photography ]

Andererseits zielte Bourdieus Einsatz des Mediums Fotografie darauf, zu „verstehen“, damit Distanz zu verringern und Nähe zu den Aufgenommenen herzustellen. Für Bourdieu veranschaulichen die Aufnahmen nicht nur seine „Liebe für das Land“, sondern sie sollten den algerischen Bauern ebenso wie den Städtern auch ein Beweis sein für ein „Ich interessiere mich für Euch, ich stehe auf Eurer Seite“.[1] Sie sind für ihn Ausweis seines an sich selbst gerichteten Anspruchs, das Gegenüber nicht „als Gegenstand zu denken“, sondern „mit ihm zu tun zu haben“. [Bourdieu 1993: 371] Dass er die parteinehmende, politische Dimension dieser frühen fotografischen Praxis in seiner nachfolgenden Arbeit, wie er selbst urteilt, „verraten“ habe, begründet er bedauernd mit „scholastischer Verantwortungslosigkeit“. [Bourdieu 2003: 36] Von dieser akademisch perspektivierten Selbstbezichtigung abgesehen, findet sein Vorgehen auch in der medialen Bedingtheit der Fotografie einen adäquaten Spiegel. Als ein zwischen Distanz und Nähe oszillierendes mediales Verfahren entspricht die Fotografie Bourdieus eigener sozialer, wissenschaftlicher und intellektueller Gespaltenheit. Die Ambivalenz zwischen Solidarität mit den Opfern einerseits und Mittäterschaft andererseits, zwischen der Achtung gegenüber dem individuellen Subjekt und dessen Verwandlung in einen soziologischen und ethnographischen Untersuchungsgegenstand oder auch zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und politischer Einsatzbereitschaft verfangen und reflektieren sich in den Eigenheiten des fotografischen Mediums.

 

 


1 Bourdieu 2003: 32; auch S. 24: „Das Fotografieren war ein Weg, zu den Menschen Zugang zu finden und gerne gesehen zu sein.“

 
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