II
So ist zunächst
motivisch vielen der Fotografien die Auseinandersetzung mit
„verschiedenen, dissonanten Realitäten“ [Bourdieu 2003: 28] gemein: Die Überschneidung unterschiedlicher Zeit- und Raumstrukturen, die durch das Aufeinanderprallen agrar- und industriegesellschaftlicher Kulturen in der historischen Umbruchphase der 1950er und 1960er zustande kam. Die sozioökonomischen, religiösen, urbanistischen oder technischen Implikationen schlagen sich in Aufnahmen der Gegensätze zwischen
traditionellen und neuen Bauten und Bildern der ländlichen
Motorisierung ebenso nieder wie in denen von Angeboten an
Zeitungskiosken, Exponaten und Besucher/innen einer Messe oder der
Arbeit im Weinanbau. [Abb.] Während sie sich in ihrer
Gesamtheit zum Portrait einer gesellschaftlichen Entwicklungsphase
Algeriens zusammenfügen, exemplifizieren die ins Bild gesetzten
Kontraste zugleich ein Moment jener Unvereinbarkeit, die sich wie ein
roter Faden auch durch den Werdegang Bourdieus hindurch verfolgen
lässt. Wiederholt spricht er rückblickend in Ein soziologischer Selbstversuch von seinem „gespaltenen“ Habitus, der das Ergebnis einer „Versöhnung von Gegensätzen“ sei.[1]
In diesen Habitus hinein spielten sowohl seine eigene soziale
Herkunft, die ihn in Differenz zu den vorherrschenden Provenienzen
des wissenschaftlichen und intellektuellen Feldes setzte, als auch
seine selbstreflexive wissenschaftliche Methode, brachte sie ihn doch
in Konflikt mit den Disziplinen, in denen er sich bewegte, zuerst mit
der Philosophie und dann vor allem der Soziologie. Vor allem aber befand er sich im Feld der Intellektuellen in einer ambivalenten Position mit seiner Forderung, den „scholastischen Bias“, mit dem die Welt als Schauspiel von außen betrachtet wird, aufzubrechen und ihn durch eine engagierte, mitfühlende Teilnahme zu
ergänzen.[2]
So wenig wie angesichts dieses empfundenen „Doppellebens“ seine
Sympathie für die Gestalt des „ahmabul“ verwundert, - einer
Persönlichkeit, entrückt, unberechenbar und von scharfem
Verstand, die „zwischen allen Stühlen, zwischen verschiedenen
Lebensweisen, verschiedenen Kulturen, manchmal sogar zwischen den
Religionen“ steht, aber „dennoch in hohem Maße gehört
und geachtet wird“ - so wenig erstaunt auch die fotografische Wahl
für Motive, in denen sich das Aufeinandertreffen von kulturellen, sozialen oder ökonomischen Diskrepanzen manifestiert.[3]
Darüber hinaus besitzen Formen des unvereinbar Scheinenden in den Fotografien auch eine strukturelle Dimension insofern diese in Form der variierenden
Wiederholung in Erscheinung treten. Selbst aus dem reduziert erhalten
gebliebenen Korpus wird deutlich, dass sich Bourdieu nicht mit
Einzelaufnahmen begnügte, sondern von bestimmten Orten oder
Situationen eine Vielzahl von Aufnahmen machte, für die er
Zeitpunkte oder Standorte jeweils leicht variierte. Erst die
umfassende Ausstellung der Fotografien erlaubte den Blick auf solche
Werkgruppen, wie sie etwa die Aufnahmen auf der Straße von Aïn
Aghbel, Collo [Abb. Schultheis 2003: 122-123], an der Kreuzung
oder am Zeitungskiosk in Blida [Abb. Ebenda: 220-228, 200, 203 sowie Installationsaufnahme Ausstellung Hamburger
Deichtorhallen Nr. 47], des Umsiedlungslagers von Djebabra, Chélif, [Abb. Schultheis 2003: 87-90] oder der Schwefelung der
Weinstöcke in der Ebene von Mitidja [Abb. Ebenda:
153] darstellen. Die Serien entkräften die dokumentarische Macht
des Einzelbilds, verbinden den Bildgegenstand erst in der
Zusammenschau und verzeitlichen ihn. Nicht zuletzt geben sie den
fotografischen Akt zudem als einen Repräsentationsakt zu
erkennen, stellen damit dem vermeintlichen Objektivismus des
Fotografischen einen Subjektivismus gegenüber. Die Vermittlung
zwischen objektivem und subjektivem Zugang, die Bourdieu in Un art
moyen wenige Jahre nach seiner Rückkehr aus Algerien
unternommen hat,[4]
ist ein erster Ausdruck seines Anspruchs, wissenschaftliche
Objektivierungsprozesse stets erneut selbst zum Gegenstand
wissenschaftlicher Objektivierungen zu machen. Er wurde in den
Folgejahren in unterschiedlichen Zusammenhängen weiter
ausgebaut.[5]
Darüber hinaus manifestiert sich in der mehrfachen Annäherung
an gleiche oder ähnliche Bildgegenstände der Zweifel an der
Autorität wissenschaftlicher Aussagen und Resultate der
Forschung, mit dem er sich selbst auch auf Distanz zu seiner
Disziplin brachte. Anstatt zu behaupten, „so ist es“ [Bourdieu 1985: 56],
steht das, was sich im Foto zeigt, für eine von mehreren
möglichen Erscheinungsformen. Das Präsentierte wird
eingestellt in ein veränderbares Bezugssystem von Positionen,
die zu einem bestimmten Zeitpunkt eingenommen werden. Übertragen
auf seine gesamte Praxis, hatte diese „Flatterhaftigkeit“, mit
der er sich einer „Verengung des Gegenstandsbereichs“
verweigerte, dieser „radikale Zweifel“, der die wissenschaftliche
Doxa und ihre Regeln zum Gegenstand erklärt, für Bourdieu
selbst eine „unmögliche Position“ innerhalb des Mikrokosmos
der soziologischen Feldes zur Folge und machte ihn zum
„Vogelfreien“ [Bourdieu 2002: 77-78; Bourdieu 2001: 116].

